line line line line
linie
line line line line
line Hier als Acrobat Portable Document Format (PDF) abrufbar line
line line line line
linie
line line line line
line Die meisten Menschen folgen ihrer Angst und nicht ihrer Sehnsucht nach Leben.  line
line line line line
line Vortrag anlässlich des Weltkongress für Psychotherapie in Marrakesch, Marokko, 1999.  line
line line line line
line Überlegungen einer österreichischen integrativen
Gestalttherapeutin zu tunesischen Familien.
line
line line line line
line     Seit zehn Jahren verbringe ich einen guten Teil meiner Lebenszeit in Tunesien. Ich kam damals zufällig um Urlaub zu machen Weihnachten nach Sousse und fand mich im Land meiner Kindermärchen. Wenn ich mit einem Begleiter am Abend durch die sanfte Landschaft der Olivenhaine ritt, so traf ich auf Männer, die bekleidet mit den im Winter üblichen Kapuzenmänteln auf ihren Eseln ritten, Frauen, die in bunten weiten Kleidern ihre Schafe nach hause trieben. An vielen Orten brannten kleine offene Feuer um die sich teetrinkende, plaudernde Männer scharten. Bilder, die ich aus meinen Märchenbüchern kannte. Dieser Teil des Orients hatte mich verzaubert und gleichzeitig eine große Neugier in mir erweckt, mehr zu wissen über das Leben dieser Menschen. So versuchte ich also hinter die touristische Fassade zu kommen, zu sehen, mich zu informieren, zu hören und zu eleben, was mir nur immer möglich war. Im Laufe der Zeit ist es mir gelungen, mir einen kleinen tunesischen Freundeskreis aufzubauen, durfte ich viel über diese Land und diese Menschen, die mich so anziehen, nachgedacht und mit unserer Art zu leben verglichen. line
line line line line
line     Und da ich Gestalttherapeutin bin, habe ich die tunesische Welt respektvoll vor diesen Hintergrund gestellt. Das ist sehr gut, da wichtige Grundthemen der Gestalttherapie eine interessierte Orientierung in einer sehr fremden und neuen Welt erleichtern. So die sinnliche Wahrnehmung und der Umgang mit eben dieser Wahrnehmung im Hier und Jetzt, spontane persönliche Begegnung, die wachsame Bewußtheit, die Phänomena, die für mich in der Außenwelt sichtbar wurden, der Dialog, der zwischen dem Land, den Menschen und mir entstand, das alles faszinierte mich, machte mich neugierig, und jede Antwort weckte eine neue Frage. line
line line line line
line     Hier also mein Ergebnis eines intensiven Dialogs. Ich bitte Sie, das als den Ausdruck meines Erlebnis und Nachdenkens zu verstehen, nicht als Anspruch auf eine Lösung oder eine erschöpfende Behandlung des Themas. Die Fragen, die sich mir hier stellen und auf die ich versucht habe Antworten zu finden, sind: Wie entwickeln sich das Selbst und das Ich von Frauen und Männern unter den Bedingungen dieser Kultur, wie groß ist die Bedeutung von Beziehungen, Bindungen, welchen Stellenwert haben hier Sexualität, Besitz, Macht wie kommt es hier zum Auftreten von Depressionen, Alkoholismus, Angstzuständen, Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern, gibt es einen Unterschied zu unserer Kultur, wie wird hier mit Gewalt innerhalb und außerhalb der Familien umgegangen? Was ist das Geheimnis der sprühenden Lebendigkeit arabischer Menschen? line
line line line line
linie
line line line line
line     Tunesische Familien zeichnen sich durch eine sehr klare und deutliche hierarchische Struktur aus: Männer sind die Nummer eins, dann kommen die Frauen und schließlich die Kinder. Die Familie ist eine Institution, die Rollen sind klar definiert. Die große Gewißheit wohin man gehört und was man zu tun hat, kann einen verunsicherten europäischen Menschen schon neidisch machen. Die Eltern sind das Zentrum der Großfamilie so lange sie leben, ihre Macht bleibt unwidersprochen. Es kommt schon vor, daß eine energische, analphabetische Großmutter die unangetastete Hüterin der Tradition einer von ihr durch Heiraten gestalteter Großfamilie von BauingenieurInnen, LehrerInnen, ÄrztInnen, Bauern, Kaufleuten, Hoteliers ist. Tunesierinnen können alle Berufe, die sie wollen, lernen und ausüben, sofern ihre Familien die Mittel dazu hat und es erlaubt. Wohl auch mit Hilfe der Großfamilie können sie sowohl ihren Beruf als auch in ihrer Tradition leben. Das ist sehr wichtig, geht es doch um Zugehörigkeit. Ohne Familie zu sein ist in Tunesien so ziemlich das schlimmste, was passieren kann. Und ein Sohn oder eine Tochter, die sich nicht fügt wird gnadenlos verstoßen und findet keinen Anschluß an eine andere Familie. Die Tochter landet meist in einem schutzlosem Leben voll Ausbeutung und Prostitution, der Sohn in Gewalttätigkeit, Kriminalität. Da eine Auseinandersetzung mit den Eltern nicht möglich ist, verlagert sich diese zunächst auf die Geschwister und zwar eher auf die Brüder. Hier gibt es viel Streit, viel Konkurrenz und Eifersucht, meistens um emotionale Zuwendung, weniger um finanzielle. Tunesische Eltern verlangen von ihren Kindern eher Geld als sie eines geben. Erst nach ihrem Tod geht der Besitz an die Kinder. Das entspricht auch der sozialen Realität, gibt es doch für viele Tunesier keinerlei Pension oder Rente als Altersversorgung und sind sie auf die finanziellen Zuwendungen ihrer Söhne angewiesen. line
line line line line
linie
line line line line
line     Männer haben mit großer Selbstverständlichkeit die Führung in der Familie. Sie sind Meister im sich entziehen. Sie tätigen zwar den Einkauf, die meisten können kochen und die Kinder mitversorgen, aber eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihrer Frau kommt für sie nicht in Frage. Das Gefühl, als Mann in dem hinterfragt zu werden, was und wie er sich seiner Frau und seiner Familie gegenüber verhält, verunsichert ihn zutiefst und bedroht ihn auch in seinem Status als Mann in einer Männerwelt. Natürlich gibt es leidenschaftliche Ausbrüche unzufriedener Frauen, und der Mann entzieht sich. Die Frau ist für ihn da, zu seiner Verfügung in guten wie in schlechten Zeiten, Trost, Sexualpartner, ein Teil des Mannes, sein verlängerter Arm. Im Islam gibt es keine Erbsünde, Sexualität wird nicht verdrängt, sie wird verwaltet bei Frauen, möglichst kanalisiert bei Männern, ist aber von klein auf Thema. Homosexualität ist etwas sehr verächtliches. Ein verheirateter Mann ist ein geachteter und beruhigter Mann, beruhigt, weil er keine sexuellen Nöte mehr hat und geachtet, weil er Untergebene hat, eine Frau und Kinder, für die er sorgt und die er liebt, mit dem Gefühl, das er für Liebe hält, so wie wir das alle tun. Wir lieben so gut wir es nur irgend können. Sexualität hat mit Schönheit, Leidenschaft, Begehren zu tun - mit Lebenslust! Im traditionellen Tanz zeigen sich Männer und Frauen in ihrer Erotik, selbstbewußt und selbstverständlich lebendig. Sie können sich beim Tanzen als begehrenswert präsentieren, weil die körperliche Distanz gewahrt wird, sie berühren einander nur mit Blicken. line
line line line line
linie
line line line line
line     Meine Frau ist mein Spiegel, mein Polster, mein zu Hause, dreimal so liebevoll wie ich, sagt ein poetischer Mann von seiner Frau. Ein Mensch muß in seinen Kindern weiterleben, sonst hat das Leben keinen Sinn, sagt er auch. Aber sie ist auch jemand, an dem man seine Spannungen abreagieren kann, die man abwerten, beschimpfen und schlagen kann. Gleichberechtigt Beziehungen sind nicht nur in Familien selten, daher ist eine Auseinadersetzung zwischen den Ehepartnern nicht möglich, so verschieben die Frauen ihre Aggressionen auf die Kinder, schlagen, schelten und strafen sie oft übermäßig hart. Aber auch die Väter schlagen die Kinder. Oft werden eigene Spannungen an den Kindern abreagiert. Die kritische Distanz zwischen Eltern und Kinder ist für viele eine Armlänge. Das ist genau der Abstand in dem man von der schlagenden elterlichen Hand erreicht wird. Weiter weg kann man nur beschimpft werden, oder man kann sich am Hals der Mutter vor ihren Schlägen verbergen, mit ihr eins werden. Das Schlagen der Kinder gilt als unverzichtbares Erziehungsmittel, ist in Familie und Schule eingeführt. Es heißt, die Kinder werden höflicher, gehorchen schneller, lernen besser und haben mehr Erfolg im Leben wenn man sie schlägt. Meine Wahrheit ist, daß das einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung sehr schadet, für mich ist es furchtbar mitzuerleben. Allerdings braucht es oft viel Druck, elterliche Ziele zu leben. Das Ausfüllen einer Rolle, das Ausführen eines elterlichen Auftrags, ist wichtiger als das Erreichen persönlicher Ziele. Das gibt auf der einen Seite viel Sicherheit und Zugehörigkeit, erfordert andererseits das Unterdrücken von Wünschen, Gefühlen, und eigenen Lebensperspektiven. Das erklärt mir auch das für mich unglaubliche Interesse an Tratsch und den erstaunlichen Mangel an Neugier auf Wissen. "Der Mensch ist ein Werkzeug Gottes, eigener Wille und Einsicht in die Welt ist ihm nur in dem Maße gegeben, in dem er die ewige Gültigkeit und Unabänderlichkeit von Gottes Offenbarung im Koran anerkennt." Wissenschaftlich-rationales evolutionäres Denken ist per se Gotteslästerung, der Odem Gottes ist Erklärung und Grund menschlicher Existenz. (Michael Lüders zitiert in "Islamischer Kulturkampf. Eine brisante Publikation aus Mekka" den saudischen Autor Awwad Ibn Muhammad al-Qarni) Lesen von Büchern gilt auch eher als Zeitverschwendung, es gibt auch kaum ausreichend gutes Licht dafür in arabischen Häusern. line
line line line line
linie
line line line line
line     "Der Koran hebt die Pflichten, nicht die Rechte hervor; er insistiert darauf, daß individuelle Obligationen zu erfüllen sind, ehe das Individuum Rechte für sich in Anspruch nehmen kann..." (aus Bassam Tibi, Im Namen Gottes? Der Islam, die Menschenrechte und die kulturelle Moderne in "Der Islam im Aufbruch?", M. Lüders, Serie Piper, München 1992, S. 147) Ich war tief beeindruckt von der unglaublichen Schnelligkeit und Konzentration mit der ein Gehilfe am Tag vor Ramadan den vielen Frauen Gewürze verkauft hat, immer noch angetrieben von den Zurufen seines Patrons. Arabische Menschen sind gewohnt sich zu beherrschen und ihre Pflicht auch unter widrigen Umständen zu tun. Sie wissen wer sie sind und wohin sie gehören, über ihr Potential wissen sie wenig. Da ich eine Frau bin, interessiert mich natürlich die Situation der Frauen sehr. Tunesische Frauen sind sehr schön, wirken stolz undselbstbewußt, haben von außen gesehen einen leichten selbstverständlichen Umgang untereinander und mit Männern als Arbeitskollegen, Nachbarn. Es gibt eine Frauenwelt und eine Männerwelt, die sich deutlich voneinander unterscheiden, in die das kleine Mädchen, bzw. der kleine Junge hineingeboren werden. Die Geschlechtsidentität ist vom ersten bis zum letzten Tag ihres Lebens völlig klar. Auch daß, bei aller Prüderie, Männer und Frauen sexuelle Wesen sind, für einander erotisch attraktiv Zeit ihres Lebens. Die Frauen sind für die Männer da, es herrscht die Meinung vor, daß Männer doch die besseren Menschen sind, Frauen sich ihnen unterordnen müssen, weil sie von ihnen abhängig sind, daß Frauen und Männer nicht alleine leben können und krank werden, wenn sie alleine schlafen müssen. Frauen, die nicht geheiratet werden, werden auch oft psychisch und physisch krank. line
line line line line
linie
line line line line
line     So sind also die Männer auch für die Frauen da, geben sie ihnen doch den wichtigsten sozialen Status, den sozialen Erfolg eine verheirateten Frau zu sein, ein Sexualleben zu haben, Mutter zu sein und Teil einer Familie, die sich durch die Heirat noch vergrößert hat. Hier trifft der Satz zu, der in vielen Märchen vorkommt und große Sehnsucht auslöst: Es kann eins ohne das andere nicht sein. Und da tunesische Ehen auf Kinder und Lebenszeit ausgerichtet sind, bleibt das auch meistens so, nur märchenhaft glücklich ist es nicht. Scheidung ist in Tunesien möglich, der Mann ist verpflichtet, Alimente zu zahlen und muß zu seinem großen Unbehagen die Hälfte des gemeinsam erworbenen Besitzes hergeben, kann nicht mehr patriarchalisch darüber verfügen. Das europäische Frauenleitbild von Frauen als selbstbestimmten Personen in einer pluralistischen Gesellschaft mit Individualität und Unabhängigkeit weckt bei Tunesiern beiderlei Geschlechts Angst und Ablehnung. Es ist die Freiheit, die sich eine Frau nimmt, die sie in den Augen der tunesischen Menschen verächtlich macht.Tunesische Frauen haben nicht viel Eigenes. Eine ordentlich erzogene Frau spricht leise, schlägt die Augen nieder und stellt keine Fragen an ihren Mann, besonders nicht vor Fremden. Ihre Lebensaufgabe ist es, ihren Mann zufriedenzustellen, vor allem Söhne zu gebären und ihre Kinder zu versorgen, denn eine Frau ohne Kinder ist wie ein dürrer Baum, den man umschneiden muß. Und eine Frau, die nur Töchter hat, ist höchstens zum Sandkehren gut. Der Mann steht im Mittelpunkt des Lebens der Frau, durch ihn bekommt sie ihre Identität, wird aus einer Hälfte zum Ganzen. Sehr früh schon begreifen die kleinen Mädchen, daß sie nichts sind, bestenfalls zweitklassig im Vergleich zu den Männern, lernen putzen und helfen statt zu spielen, den Tee zu kochen und zu servieren, den die Männer beim Kartenspielen trinken, wobei die Buben zuschauen dürfen. Für Kinder gibt es kein Spielzeug und Mädchen und Buben lernen sehr früh, auf jüngere Geschwister aufzupassen. Mütter haben keine Zeit, mit den Kindern zu spielen, arabische Haushalte sind sehr aufwendig, was kochen, putzen und zubereiten der Lebensmitteln betrifft. line
line line line line
linie
line line line line
line     Wenn ein Kind nicht spielen darf, versäumt es wichtige Phasen seiner Kindheit. Ein Grund, warum das Spiel so wichtig ist, liegt darin, daß gerade im Spiel durch den schöpferischen Prozeß eine Organisation innerer und äußerer Objektbeziehungen entsteht. Es geht um den schöpferischen Prozeß, der weit mehr als die Nachahmung der Erwachsenen oder das Erlernen von Fertigkeiten ist. Der kleine Harun krabbelt schon. Um seinen Fortschritt zu zeigen wird eine Weinbeere auf den Boden gelegt und wenn er sie fast erreicht hat, wird sie weiter gerückt. Er erreicht sie nie und weint aber nicht, wird auch nicht zornig. Als sein Cousin die Weinbeere wegnimmt, wendet er sich einfach ab. Es ist eine demütigender Vorgang. Die Großmutter ist sehr zufrieden mit seiner Reaktion. Ich hatte oft den Eindruck, daß die Art wie diese Kinder aufwachsen eine dauernde Kette von Traumatisierungen ist, in der unerwünschte Verhaltensweisen und Gefühle radikal unterbunden werden, die Würde der Kinder andauernd mißachtet wird. Sie werden begleitet von Kargheit und Strenge. Besonders spüren das die Kinder am Land, die oft schon mit 5, 6 Jahren mit den Schafen gehen müssen. Die Eltern tun das was sie für richtig halten, wie alle Eltern. Körperkontakt gibt es viel, dann wenn Mutter oder Vater oder sonst ein Mitglied der Familie das gerne möchte eher als wenn das Kind ein Verlangen danach hat. Sicherlich tut er oft gut und wärmt, vor allem im Winter, Körper und Seele. Eine weitere Ressource der Kinder ist die räumliche Nähe, in der Großfamilie lebt, wo genügend Ansprechpersonen sind. Ist die Mama grantig, so geht Kind halt zur Tante oder Oma, die sich über seine Anwesenheit freut. Allerdings gibt es auch in Tunesien schon Kleinfamilien in den Städen und in Gebieten mit viel Tourismus. Es ist das vor allem für die Frauen schwierig, allein zu sein, niemanden zu haben, der bei der Kindererziehung unterstützt und ihre Mutter allein zu lassen, deren Lebensaufgabe es doch ist, Kinder und Enkel zu versorgen. Diesen inneren Konflikt bekommen wieder die Kinder zu spüren. Frauen tendieren zu ihrem Nachteil zu einem sozialen Selbst, das die Gruppe, in der sie leben miteinbezieht im Gegensatz zu einem individualistischem Selbst, das eine angemessene Abgrenzung ermöglicht und bei uns als erstrebenswert gilt. Ist es doch bei uns ein großes Anliegen der Menschen ihr eigenes Lebensthema zu finden und es zu leben. line
line line line line
linie
line line line line
line     Die Sozialisationsprozesse der Menschen, die unter schlechten Bedingungen aufwachsen, charakterisieren sich u.a. dadurch, daß wichtige Entwicklungsstufen übersprungen werden oder diese werden zu schnell durchlaufen, was zu einer drastischen Kürzung der Kindheit führt, mit unzureichendem spielerischen Raum. Es kommt zu Schnitten, Brüchen in den emotionalen Beziehungen zu den früheren Bezugspersonen. Diese Traumata stellen nicht nur individuelle Schicksale dar, sondern typische und sich wiederholende Prozesse. Die traumatischen Gebilde tragen bekanntlich dazu bei, die Ausformung von konsolidierten psychischen Strukturen zu verhindern. Die erlittenen Traumata stellen den Boden dar, auf dessen Grundlage die Abwehrmauern errichtet werden, die sowohl die Kommunikation zwischen Menschen, die sich im Prinzip in einer ähnlichen Lage befinden als auch zwischen den verschiedenen Bereichen des eigenen Selbst verunmöglichen. Die traumatischen Deformierungen des Kindes vertiefen sich aufgrund der weitgehenden Unfähigkeit des Erwachsenen, ihm wegen der eigenen Schwäche bei der Verarbeitung der Wirklichkeit zu helfen. (C. Rodriguez Rabanal: Erfahrung, Verinnerlichung und Wiederholung; Psychotherapie Forum, 1999/7; S.65) Es fehlt Trost, es fehlt das Verständnis dafür, daß Kinder Nöte haben, die harte Hand schwacher Eltern zwingt sie in ein Leben von Gehorsam und Kargheit und Angst. Es entsteht das, was Winnicot als falsches Selbst bezeichnet, hier würde ich sagen das gesellschaftlich erwünschte Selbst. Die Kinder identifizieren sich vollkommen mit ihren Eltern und nehmen den Auftrag, so zu leben wie sie, an. Zitat: Solchen Verhaltensweisen sind zu verstehen als Rolle, die man übernommen hat, als Tradition. Der schicksalhaften unbewußten Überzeugung: "Es geschieht eben so, wie es immer so geschehen ist", fehlt der Abwehr-Charakter des zweckhaften individuellen Handelns. Manchmal hat man den Eindruck, als ob über- individuelle Strukturen (z.B. familiäre Muster) sich in individuellem Verhalten verkörpern und daß darin letztlich der "Sinn" des individuellen Verhalten liegt. Natürlich liegt in dieser "Einpassung" des Individuums in übergreifende Strukturen auch ein individueller "Bewältigungs-Sinn": Das bewußte Heraustreten aus den Vorstellungen der Bezugsgruppe vom Leben, von der Arbeit, von den Geschlechtern, vom Kindererzihen, das Aufgeben der kollektiven Identität, kann angsterzeugend sein. Unter dem Gesichtspunkt eines nicht hinterfragten kulturellen Wertes von Indiduation werden Identifikation und Delegation oft als Abwehr verstanden. Unter dem Gesichtspunkt der Zentrierung und Einbindung in soziale Beziehungen sind sie auch als kreative Anpassungsleistungen zu sehen. Wenn allerdings die überindividuellen Strukturen so geartet sind, daß sie zu Erkrankungen führen und die Einpassung nur um den Preis der Erkrankung zu haben ist, dann wird bewußte Individuation zur Notwendigkeit und das Verharren zur Abwehr. (aus: Dorothea Rahm, Hilka Otte, Susanne Bosse, Hannelore Ruhe-Hollenbach: "Einführung in die Integrative Therapie", Junfermann Verlag, Paderborn; 1995) line
line line line line
linie
line line line line
line     Doch hier wird die Krankheit hingenommen. Es ist zwar durchaus bekannt, daß Leib und Seele zusammenhängen, aber Schlafstörungen, Unterleibsbeschwerden schon bei sehr jungen Frauen, rheumatische Beschwerden bei jungen Menschen, Depressionen, Alkoholismus oder Angstzustände werden nicht in Zusammenhang mit der Lebenssituation gebracht. Reif zu sein heißt, die Idee aufzugeben, jemanden zu haben, dem man gehorchen muß, Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen. Dieses Stadium bleibt tunesischen Frauen für sich verwehrt. Dafür haben sie Macht über das Leben ihrer Kinder, Schwiegertöchter und Enkel. Viele Frauen, vor allem aus einfachen Verhältnissen, sind noch Analphabetinnen, während jetzt alle Kinder in die Schule gehen müssen und großer Wert auf gute Schulleistungen gelegt wird. Aber auch wenn sich die Mädchen über die Langweiligkeit ihres Lebens beklagen, nach dem Lycee bleiben sie zu hause und warten auf einen Mann, oder gehen in die Fabrik. Denn eine Frau, die mit Männern abends ausgeht und laut redet heiratet keiner, zumindest in den Kleinstädten oder am Land. Meisten stiften Mütter oder Schwestern Ehen oder es bittet der Mann seine Mutter die Ehe anzubahnen, jungen Frauen steht das nicht zu. Und wenn eine Mutter eine junge Frau nicht als Schwiegertochter will, so gibt es keine Heirat. Frauen gibt es viele, aber Mutter nur eine. Zu heiraten, sich mit einer anderen Familie zu verbinden, ist Politik. Ich frage da nach der Liebe, dem Privileg einen Lebenspartner nach dem Herzen zu wählen, und finde Begehren, das bei den strikt enthaltsam erzogenen Mädchen und bei den Männern, die von den Mühen ihre Sexualität zu unterdrücken oder zu leben erlöst werden, eine Verliebtheit auslöst, wenn der zukünftige Partner von einer Phantasie zur Wirklichkeit wird. Die Hochzeit, das große Fest, ist der Höhepunkt im Leben eines tunesischen Menschen, ein gesellschaftliches Ereignis bei dem Besitz und somit der gesellschaftliche Status offen und stolz gezeigt wird, verglichen wird mit dem des Nachbarn. Aus einer bekannten Familie zu kommen und reich zu sein ist in Tunesien noch attraktiver als bei uns. Besitz ist sehr wichtig. Die Ehe ist das große Versprechen für beide, emotionale Defizite zu füllen, der Frust für beide vor allem für die Frau, weil das nicht passiert, bleibt nicht aus. So versucht man durch Wohlhabenheit, die Bewunderung und den Neid der anderen hervorzurufen. line
line line line line
linie
line line line line
line     Wenn sich das Ich eines Menschen hauptsächlich mit den Forderungen der Umwelt identifiziert, Ideologien introjiziert, so erlöschen die Ich-Funktionen, der Mensch erstarrt, fixiert auf bestimmte Gewohnheiten. Gesunde Ich-Funktionen, wo es eine Identifizierung mit mir, meiner inneren und äußeren Wahrnehmung gibt, könne die subjektive Realität und die Bedürfnisse des Organismus beantworten. Dazu muß man sie aber kennen. Wenn man fremdorientiert aufgewachsen ist und keinen Kontakt zu sich selber hat, bleibt man unzufrieden. Die Quelle, die den Durst löscht, ist nicht zu finden. Ich zitiere F. Perls: Der Mensch ist zum Selbstvergewaltiger geworden. Angst und Schuldgefühle hindern ihn, die Verstrickung mit den Autoritätsfiguren zu lösen. Der Grund ist, daß das Selbst nun eine mächtige positive Befriedigung aus seiner Identifizierung mit der starken Autorität schöpft. Als Ganzes ist das Selbst besiegt worden, denn es hat seinen Konflikt nicht reifen lassen und zu etwas Neuem, Positivem werden dürfen, doch das sich identifizierende Selbst kann nun sagen: "Ich bin der Sieger!" Diese mächtige Befriedigung ist die der Anmaßung. Welches sind ihre Elemente? Erstens, zu der Erleichterung, daß die Leiden des Konfliktes vorbei sind, kommt die ungeheure Erleichterung von dem Druck der drohenden Niederlage, Beschämung, Erniedrigung; indem sie die andere Rolle einnimmt, wird die Anmaßung überschwenglich, unverschämt und selbstgewiß. Zweitens kommt dazu der Musterknabenstolz, eine besondere Art der Eitelkeit; freudianisch ausgedrückt, das Überich klopft dem Ich auf die Schulter. Drittens, das stolze Selbst maßt sich die vermeintlichen Tugenden der Autoritäten an, ihre Kraft, Rechte, Wissen und Schuldfreiheit. Und zuletzt, als wichtigste, keinesfalls illusorische Befriedigung: Das anmaßende Selbst kann nun seine Aggressionen bestätigen und permanent beweisen, daß es der Sieger sei, denn das Opfer der Unterdrückung steht immer zu Diensten. Die Stabilität des resignierten Charakters kommt nicht daher, daß er "ein für allemal" aufgegeben hätte, sie kommt aus der Tatsache, daß die Aggression dauernd verübt wird. Leider ist das Opfer der Aggression in erster Linie man selbst, (ich denke, auch Menschen, die man als Teil seiner selbst betrachtet, wie Kinder und Ehefrauen gehören dazu) ist immer da, um geschlagen, gewürgt, gequetscht, gebissen zu werden und ähnliches mehr. Der scheinbare Zuwachs an Stärke und Aggressivität ist also in Wahrheit eine verkrüppelnde Schwächung. Zuerst kommt es manchmal zu einem richtigen Aufblühen der Gesundheit, denn man hat eine Anpassung geleistet, aber die Quittung kommt später. Energie wird in der Aufgabe gebunden, den entfremdenden Trieb am Boden zu halten. Wenn die innere Spannung zu stark wird, projiziert man die Gefahr von unten auf Sündenböcke, andere Personen, die den anstößigen, in einem selbst entfremdeten Trieb haben oder denen man ihn zuschreiben kann. Sie verlängern die Liste der Opfer und steigern damit die Anmaßung und den Stolz. (aus: "Gestalt-Therapie. Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung", F. S. Perls, R. F. Hefferline, P. Goodman, Klett-Cotta, Stuttgart, 1981, S. 151f.) line
line line line line
linie
line line line line
line     Ich denke, daß das eine in Tunesien häufige Form der Persönlichkeitsentwicklung ist, daher vielleicht die, mit der man am besten über die Runden kommt. Ich zitiere dazu Bassam Tibi "Im Namen Gottes? Der Islam, die Menschenrecht und die kulturelle Moderne" in "Der Islam im Aufbruch?", M. Lüders (Hrsg.), Serie Piper, München 1992, S.150): Die muslimische Gesellschaft hat im Einklang mit ihrer religiösen Lehre die Überzeugung, die beste von Gott "erschaffene Gemeinschaft unter der Menschheit" (Koran: "khair uma ukhrigat li-l-nas" Sure 3, Vers 110) zu sein, so hatten die Muslime seit dem 7. Jahrhundert eine Selbstverständnis von der Superiorität gegenüber anderen entwickelt. Und weiter unten derselbe: Der Muslim wird als Mitglied eines Kollektivs von seiner Gemeinschaft, Umma, wahrgenommen. Wie es in den meisten Kulturen der Fall ist, so hat auch der Islam eine Auffassung von menschlicher Würde, die gleichermaßen für jedes Individuum gilt. Doch sind individuelle Rechte als Berechtigung etwas anderes als eine ethische Auffassung von Menschenwürde. Nach dem Denkmuster des Kollektives kann die Gemeinschaft das Recht erhalten, auch mit Gewalt gegen die individuellen Rechte vorzugehen, wenn diese von ihrem Verständnis abweichen. Im öffentlichen Bewußtsein wird dies nicht als eine Verletzung von Menschenrechten gesehen, weil der Islam keine Tradition von Individualismus kennt und die Unterordnung individueller Rechte gegenüber Staat und Gesellschaft als kulturelle Norm unangefochten hingenommen wird. Für Europäer scheint es schwer zu sein, diese Spannung zwischen Individuum und Kollektiv zu verstehen. Diese historische Last eines aus dem religiösen Ideal erwachsenen homogenen kulturellen Kollektivs ist heute eine große Hürde auf dem Wege der, einen Pluralismus voraussetzenden, Demokratisierung (Zitatende). So sehe ich die tiefe Religiosität dieser Menschen sowie die Wichtigekeit, die sie für sie hat nicht nur als Trost und Halt sondern auch als Hindernis einer individuellen Entwicklung. Armut, Religiosität, Kinderreichtum und Tradition existieren in einer starken Koalition. Michael Lüders vertritt in dem von ihm herausgegebenen Buch "Der Islam im Aufbruch" die Meinung: Fundamentalismus bedeutet in erster Linie eine Verteidigung personalistisch-patriachaler Autorität in Wirtschaft, Politik und vor allem in der Familie. Fragen der Stellung der Frau und der Moral sind demzufolge nicht Ersatzthemen für "eigentliche" Ursachen, sondern stehen tatsächlich im Zentrum der Auseinandersetzung. Es ist die Angst des Kleinbürgers vor dem Verlust seines vertrauten Milieus. line
line line line line
linie
line line line line
line     Das ist der Stolz des tunesischen Mannes, seine Sicherheit: Er ist ein Mann, daher wäscht ihm nicht nur seine Frau sondern auch seine Schwägerin die Füße, wenn er nach hause kommt, um ihn zu ehren. Schon immer weiß er, daß er etwas besonderes ist, bevorzugt von Mutter und Vater gegenüber den Schwestern, verwöhnt. Häufig werden arbeitslose Männer und Söhne von den hart arbeitenden Frauen erhalten, die Männer nehmen es selbstverständlich an. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, auch für qualifizierte Männer sogar mit Studienabschluß, es gibt nicht nur wenig neue Perspektiven, es gibt einfach wenig Perspektiven. Auch bei den Männern gibt es Analphabeten, die im Kaffeehaus sitzen und warten, daß sie jemand als Tagelöhner für eine Arbeit holt. Viele trinken, es gibt in Tunesien zumindest in den Gegenden mit Tourismus ein Alkoholproblem. So strikt abstinent die Frauen sind, die Männer trinken beeindruckend viel. Viele Männer sind nicht treu, und mit den verheirateten tunesischen Frauen sind Verhältnisse schon möglich, auch wenn im Koran auf eheliche Treue Wert gelegt wird und ein Großteil der Tunesier sich auch daran hält. Ursachen des verbreiteten Alkoholmißbrauchs ist nicht das Beispiel der Touristen, die Alkohol trinken. Drogenabhängigkeit als Symptom für unaufgelöste Abhängigkeiten, meist von der Mutter, als Symptom des unbewußten oder bewußten Gefühls der Ausweglosigkeit, des Haßes und der Schmerzen, die Enge, aus der es keine Befreiung gibt, ist wohl eher die Ursache. Und immer wieder lodert das Feuer der Gewalttätigkeit auf, zeigt sich in scheinbar sinnlosen Raufereien. Die Männer gehen gezielt trinken, Aggressionsdurchbrüche sind anscheinend einkalkliert. Die Frauen, die keine Chance auf gleichwertige Partnerschaft haben, wenden sich emotional den Kindern zu, leisten als Mütter ihren Beitrag zum künftigen Alkoholismus der Söhne in dem sie vom Kleinkindalter an Sklavin und Dienerin ihrer Söhne sind. Später schlagen sie dann auf ihre Söhne ein, weil sie nicht mehr anders können.
line
line line line line
linie
line line line line
line     Alles dreht sich um die Söhne, die so keine Autonomie entwickeln können, die Mutter ist nur mit ihnen beschäftigt, sie werden als Ersatz für Mutters ungelebtes Leben ihr eigenes zur Verfügung stellen. Autonom zu werden kann ein Sohn seiner Mutter, die ihn so sehr braucht, nicht antun. Alkohol als Mittel, das entspannt, Sorgen entfernt und ein leichtes Leben vorgaukelt, bitet sich an, viel zu vertragen steigert das Ansehen. Alkohol ist sehr teuer und die Männer verdienen wenig. Manch einer vertrinkt zwei Drittel seines Lohns. Natürlich stellt sich hier die Frage nach der Rolle der Väter in der Erziehung. Häufig überlassen sie die Kinder der Frau und treten bei Vergehen oder bei Mißerfolgen in der Schule als Exekutoren der Strafe auf. Ich sehe den Nachbarn noch vor mir, der jedes Wochenende mit dem Stock auf seinen Schulanfänger wartete und den auch benützte, um den Sohn zu besseren Schulleistungen und somit zu mehr Gehorsam anzuhalten. Der Druck seitens der Eltern auf die Söhne wegen der Schulleistungen ist groß, lachen doch die Nachbarn über schlechte Schüler. Hilfe, Verständnis und das liebevolle Eingehen auf die Kinder gibt es von einzelnen Vätern, ist aber doch die Ausnahme. Frauen sind beteiligt am Alkoholismus ihrer Männer, Frau bleibt in den Fallstricken der Mütterlichkeit hängen statt ihrem Mann helfend und stützend zur Seite zu stehen. Der Mann sucht sich Kumpels um sich zu trösten. Die Frau wird nicht als gleichwertiger Partner betrachtet, sondern als begehrenswerter Besitz, der Kinder bekommt, die Mitgift einbringt und arbeitet. Hilflos und mit Verwunderung und Angst reagieren die Frauen und die Kinder auf die Gewalt, unterwerfen sich und nehmen sich ein Beispiel. Später, wenn sie erwachsen sind, werden viele ihrerseits mit ihren Kindern so verfahren um sich zu entlasten und weil sie es so gelernt haben. Das Selbst ist jetzt nach der Theorie der Gestalttherapie ein relationales Selbst, das durch durch den Kontakt mit dem Umweltfeld immer wieder neu entsteht und sich immer wieder auflöst. Die Es-Funktion des Selbst macht sich am Beginn eines Kontaktprozesses zum Beispiel als wache Entspannung, mittels Phantasiebildern oder als Bedürfnis des Organismus bemerkbar. Das Selbst verwirklicht sich in der momentanen Beziehung. Durch die Existenz eines wirklichen, personalen Selbst erfahren wir Kontinuität und Identität im Erleben unseres Kerns, erleben uns andere als autentische Person im überdauernden Selbsterleben. Das Selbst wird durch die Ich-Funktionen Kontakt, Abgrenzung, Versuch, seine Interessen wahrzunehmen, vertreten. line
line line line line
linie
line line line line
line     "Die Persönlichkeitsfunktion ist das System der Einstellungen in zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie ist die Annahme darüber, was man sei und ist die Grundlage auf der man sein Verhalten erklären kann, wenn man danach gefragt wird" (Perls u.a. 1951). Die Persönlichkeit als Abbild des Selbst, antwortet auf alles, was man ist und gelernt hat in seinem Leben, die Summe von allen Ansichten, Einsichten, Empfindungen und Interaktionen. Die Persönlichkeit übernimmt dafür Verantwortung gegenüber der Umwelt. Das transpersonale Selbst weiß von den umfassenden Ordnungen des Seins, seine Verbundenheit mit allem was ist und weiß von Spiritualität. Das Selbst bringt "spezielle Strukturen für spezielle Zwecke" hervor. Einerseits ist es für den Kontaktprozeß zuständig und andererseits macht es durch seinen Ausdruck den Menschen aus. Ein gesundes Funktionieren hängt von der dauernden kreativen Anpassung ab. Die Anpassung erfolgt von Tunesiern in bezug auf das Kollektiv und ist wenig kreativ, und nicht in bezug auf das Individuum, wie es unseren Zielvorstellungen entspricht. Das ist nicht besser oder schlechter als unser Selbsterleben und Selbstausdruck, es ist einfach sehr anders. Und wieder Bassam Tibi, der sagt, daß im islamischen Denken die Umma/Islamische Gemeinschaft als ein ideales Kollektiv höher bewertet wird als das Individuum. Prozesse der Individuation haben in der islamischen Geschichte nicht stattgefunden und kommt Subjektivität im islamischen Denken des Kollektivs nicht vor. Im Islam gibt es nur eine Wahrheit, die des Koran. Bei uns gibt es seit Martin Luther mindestens zwei Wahrheiten, das heißt, daß der Mensch die Möglichkeit der Wahl bzw. der Entscheidung hat. Bei uns erhält die Familie als Institution ihre Absage in den 68ern, die in ihr vorherrschenden Muster werden als faschistoid oder die Fortdauer des Faschismus begünstigend befunden. Die Absage an die Familie bringt große Verunsicherung und eine Fülle neuer Möglichkeiten sein Leben zu gestalten. Man kann alleine leben, in Wohngemeinschaften leben, homosexuelle Beziehungen leben, seine konservative Familie behalten oder verändern, alles wird möglich. Ebenso entsteht der Wunsch und die Möglichkeit, persönliche Vorstellungen von Familie zu verwirklichen, sich eine Familie zu nach seinen Vorstellungen zu erschaffen. Erst jetzt wird Therapie interessant und wichtig um die nötige Unterstützung bei diesem Prozeß zu bieten. In den 70er Jahren gehört die Teilnahme an Selbsterfahrungsgruppen zum guten Ton. Viele an emotionalem und kognitivem Wissen, das damals atemberaubend neu war, ist heute Allgemeingut, Gemeinplatz. An Stelle der Wahrheit als gesellschaftlichem Leitwert sind Wert und Würde des einzelnen Menschen getreten. Das Gewissen wird zur obersten Instanz anstelle des kirchlichen Lehramts, das die eine Wahrheit gehütet hat. Das halte ich für einen Beitrag, den Psychotherapie für die Gesellschaft gebracht hat: eine allgemeine Anhebung des Bewußtseins der Menschen und eine große Wertschätzung emotionaler Entwicklung. Erst in den 70ern beginnt das Bedürfnis nach Psychotherapie, die gesellschaftlichen Voraussetzungen sind da. In Tunesien fehlen die gesellschaftlichen Voraussetzungen, fehlt das Bedürfnis und fehlt die Akzeptanz von Psychotherapie. Vieles von der Lebensart tunesischer Menschen kenne ich, ist mir vertraut aus meiner Kindheit und hat mich deshalb angezogen. Vieles in Österreich vor 50 oder 60 Jahren, der Zeit des Faschismus hat sich sehr ähnlich zugetragen, trotz der anderen Kultur. Bei uns war es meine Generation in den berühmten 68er Jahren und die nächste Generation, die die Welt verändert hat. Arabische Menschen wollen die materiellen Vorteile der westlichen Welt, bedenken aber nicht, daß dazu die Werte von persönlicher Freiheit, Individualität und Pluralismus nötig sind, um sie nützen zu können. line
line line line line
linie
line line line line
line     Wie gut zu hören ist, bin ich parteiisch. Ich ergreife Partei für soviel verhindertes Leben, für Entwicklungsmöglichkeiten, dafür, sein Leben nach eigenen Entwürfen in Freiheit und Weite und Respekt leben zu dürfen. Ich sehe mich als Befürworterin der Menschen, die in dieser Kultur leben, weil mich ihr Leiden berührt, weil ich sie verstehen kann. Wenn schon Psychotherapie so große Angst und Ablehnung hervorruft, so wünsche ich mir dringend wenigstens Familienberatungsstellen in diesem Land. Das Bedürfnis nach Hilfe ist groß und könnte die Angst vor Veränderung schon überwinden. Mir wurde hier für mich persönlich die grundlegende Polarität menschlichen Lebens zwischen Konfluenz und Widerstand, Zugehörigkeit und Eigenständigkeit überdeutlich. Alles was es an Jammer in Tunesien gibt, gibt es auch bei uns. Aber bei uns gibt es eben die Möglichkeit der positiven Veränderung, die gesellschaftlich unterstützt wird. Die große Anziehung, die arabische Menschen für mich haben, liegt wohl in ihrer Herzlichkeit, ihrer Lebendigkeit. Sie leben ihre Gefühle mit Kraft und manchmal großer Leidenschaft, im Hier und Jetzt. Mit einer gewissen Kindlichkeit machen sie die schönsten und die gemeinsten Sachen, stets das wohl ihrer Familie im Kopf. Sie haben die schöne Fähigkeit sich zum Beispiel ihrer Arbeit hinzugeben und können die Gegebenheiten ihres Lebens im Grunde akzeptieren, was an sich schon heilsam ist. Das Schlußwort möchte ich dem lybischen Dichter Adonis geben und zitiere aus seinem Essay "Plädoyer für eine Utopie": Das Gebot der Stunde ist der radikale Wandel der Mentalität, damit die offenbarte Religion ihre Funktion als einen alles beherrschenden Bezugsrahmen verliert und ersetzt wird von Erfahrbarkeit und Vernunft. So wird sich die Wahrnehmung der Welt verändern und die Trennung von Kultur und Macht möglich. Und der Mensch wird das Recht haben, nachzudenken und frei zu reden, ohne jegliche Einmischung seitens der Macht. Wenn dieser Zustand erreicht ist, dann wird es in der arabischen Gesellschaft wirkliche Demokratie geben, eine wahrhaft demokratische Kultur. Das allerdings geht dem Entwurf jedweder Utopie voraus, könnte man einwenden. Ich würdew entgegnen, daß der Mensch niemals etwas anderes war und auch nicht sein wird als eben dies: beseelt von Utopie. (Adonis "Plädoyer für eine Utopie" in "Der Islam im Aufbruch?", M. Lüders (Hrsg.), Serie Piper, München 1992, S.205) line
line line line line
linie
line line line line
line Hier als Acrobat Portable Document Format (PDF) abrufbar line
line line line line
linie
line  Literatur line
line
Angelika Aliti: Der weise Leichtsinn.
  Piper München Zürich 1999
Jeanette von Bialy & Helmut Volk-Bialy: Siebenmal Perls auf einen Streich.
  Junfermann 1998
Kurt Buchinger: Die Zukundt der Supervision.
  Carl-Auer-Systeme Verlag 1999
Francoise Dolton: Scheidung. Wie ein Kind sie erlebt.
  Klett Cotta 1996
Martina Gremmler-Fuhr: Grundkonzepte und Modelle der Gesalttherapie. In Handbuch der Gestalttherapie.
  Hofgrefe 1999
Marsha M. Linehan: Dialektisch-behaviorale Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung.
  1996
M. Lüders: Der Islam im Aufbruch?
  Serie Piper München 1992
F. S. Perls, R. F. Hefferline, P. Goodman: Gestalt-Therapie. Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung.
  Klett Cotta Stuttgart 1981
F. S. Perls, R. F. Hefferline, P. Goodman: Gestalt-Therapie. Wiederbelebung des Selbst.
  Klett Cotta Stuttgart 1985
Frederick S. Perls: Das Ich, der Hunger und die Aggression.
  Klett Cotta 1985
Frederick S. Perls: Gestaltwahrnehmung Verworfenes und Wiedergefundenes aus meiner Mülltonne.
  Verlag für humanistische Psychologie Werner Flach KG Frankfurt/Main 1981
Laura Perls: Leben an der Grenze.
  Edition Humanistische Psychologie 1989
C. Rodriguez Rabanal: Erfahrung, Verinnerlichung und Wiederholung.
  Psychotherapie Forum 1999/7 Springer Verlag Wien New York
Dorothea Rahm, Hilka Otte, Susanne Bosse, Hannelore Ruhe-Hollenbach: Einführung in die Integrative Therapie.
  Junfermann Verlag Paderborn 1995
Daniel N. Stern: Die Lebenserfahrung des Säuglings.
  Klett Cotta 1992
E. Wolfram: Es wird nicht Friede - es ist Friede.
  Psychotherapie Forum 1999/7 Springer Verlag Wien - New York
line
line   line
line line line line
linie
line line line line
line      Über Hilde Heindl  line
line Hilde Heindl   Hilde Heindl
  Psychotherapeutin
  Integrative Gestalttherapeutin

  Praxisgemeinschaft
  Ölzeltgasse 1
  1030 Wien

  nur donnerstags

  Tel: 0664/315 58 17

  Badenerstraße 87
  2751 Matzendorf

  Mobil: 0664  315 58 17
  mailto:  
line
line line line line
linie
line line line line
line line  > zum Beginn <  line
line line line line