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Dieser Text dient als Impulsreferat der Podiumsdiskussion anlässlich der Gestalttage im Jänner 2014 in Innsbruck. 
Er bezieht sich auf die Publikation, die hier als PDF abrufbar ist.
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Nachdenken über die Nachkommen der TäterInnen und MitläuferInnen im Nationalsozialismus. 
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"Man kann nur leben wo die Liebe wohnt"
(Eugen Drewermann)
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line 1. Einleitung

Die Befindlichkeit von Nachkommen der TäterInnen und MitläuferInnen in der Zeit des Nationalsozialsmus hat bisher in der Literatur der Gestalttherapie - ganz im Gegensatz zur Psychoanalyse - wenig Niederschlag gefunden.
Bei der Befassung mit den Nachkommen der TäterInnen und MitläuferInnen wird deutlich, wie Traumatisierungen über Generationen weitergegeben werden. In dieser Arbeit geht es aber auch um die Schwierigkeit, das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Diese Unterscheidbarkeit steht in enger Beziehung zur menschlichen Qualität, frei wählen zu können.
Unter TäterInnen und MitläuferInnen werden hier alle verstanden, die in der Zeit des Nationalsozialismus nicht im Widerstand waren. Widerstand wird aber nicht nur mit der Waffe in der Hand geleistet: Im Widerstand waren meiner Meinung nach auch alle jene, die "nur" menschlich geblieben sind und / oder ihren Widerstand durch zivilen Ungehorsam gelebt haben.
Die erste Generation, also jene, die den Nationalsozialismus erlebt haben, erinnert sich heute noch daran, dass auch sie auf Fragen z.B. in ihren Familien kaum Antworten erhielten und wenn sie Antworten erhielten, dann nur solche, die im System erlaubt waren.
Die zweite Generation, die Kinder der im Nationalsozialismus lebenden Eltern gehören zumeist zu den "Stummen". Durch das Verhindern einer offenen Kommunikation zwischen der ersten und zweiten Generation ist das "Miteinander-Reden", das "Sich-Ausdrücken" schwierig geworden.
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line 2. Meine Motivation für die Beschäftigung mit diesem Thema

2.1. Unmittelbare Anschauung und Fortwirken bis in die Gegenwart

Das hier behandelte Thema begleitet mich als Kind einer in die Geschehnisse des Nationalsozialismus involvierten Familie seit ich denken kann. Ich gehöre zur zweiten Generation, der so genannten "stummen Generation". Es fehlten Vokabeln wie zum Beispiel das Wort "Schrecken" oder etwa die Worte "Bedürfnisse", "Befindlichkeit", "Gefühle", "böse", "hilflos" oder "ohnmächtig". Zugleich waren aber Redewendungen üblich, wie zum Beispiel die Wendung "arbeiten bis zur Vergasung" oder "durch den Rost fallen", die ihre Herkunft aus den Konzentrationslagern verrieten; Redewendungen, die lange nicht hinterfragt wurden, weil derjenige, der (hinter-) fragt sowieso dumm ist und abgewertet wird.
Vieles galt in der Kommunikation zwischen der ersten und der zweiten Generation als lustig - was absolut nicht lustig war. Es war die Zeit der schrecklichen Witze, die Zeit des Abwertens und des Kontrollierens von Gefühlen durch Lächerlich-Machen.
Die Überlebenden des Krieges hatten Schwierigkeiten mit der Realität. Im Allgemeinen kamen sie im Alltag gut zurecht, doch manchmal machte sich die psychische Realität des Traumas mit Ängsten und Verboten bemerkbar, die einer vergangenen Zeit angehörten. So machte sich das Trauma im Erleben im Hier und Jetzt bemerkbar. Es störte in manchen seelischen Regionen die Fähigkeit zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden. Es verzerrte die Wahrnehmung, als lebten diese Menschen in einer doppelten Realität.
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line 2.2. Die Entscheidung zwischen dem Guten und dem Bösen ist schwierig zu fällen

Mit dem Ansprechen dieser Themen macht man sich meist nicht beliebt. Hans Lebert beschreibt das in seinem Roman "Die Wolfshaut" eindrücklich: Ein an Jahren noch junger Mann kommt nach dem Krieg in sein Heimatdorf zurück. Der Vater ist inzwischen verstorben und lange vor ihm die Mutter. Der Vater war in den letzten Kriegstagen gemeinsam mit anderen Ortsbewohnern in ein Verbrechen verwickelt, in dem die Lust am Töten eine Rolle spielte. Bei seiner Suche nach der Wahrheit und nach seinem Vater gerät der junge Mann in die mörderische Vertuschungsmaschinerie des Dorfes, die wieder Tote fordert. Er überlebt in einem dramatischen Finale ? aus seiner Außenseiterrolle kommt er nicht mehr heraus. (Lebert 2001)
Viele sind der Meinung, man möge die Vergangenheit doch endlich ruhen lassen. Jedoch rufen Geschehnisse in den Menschen, in der österreichischen Tagespolitik und auch in der Weltpolitik die Vergangenheit in die Gegenwart zurück.
Es wird und wurde zum Beispiel die Schwierigkeit, zwischen dem Guten und dem Bösen zu unterscheiden sichtbar. Da Hitler für die Nazis nahezu ein Erlöser war, war er nicht böse. Böse waren hingegen die Juden. Aber über die Juden durfte man nach dem Krieg nicht mehr in der Weise wie vor dem Krieg reden ? und tat es doch mit Gleichgesinnten. Gleichzeitig gab es Stimmen, die die Verbrechen der Nationalsozialisten beim Namen nannten. Plötzlich war nicht mehr gut, was früher gut war - und böse gab es nicht. Da war es für Kinder, Jugendliche und Erwachsene nicht leicht, sich zurechtzufinden.
Am Fall des Psychiaters Heinrich Gross, der als Stationsarzt an der berüchtigten Wiener Euthanasieklinik Am Spiegelgrund arbeitete, kann man die Unfähigkeit und den Trotz der Täter sehen, ihre Schuld einzugestehen. Die auf dem Gelände des heutigen Psychiatrischen Krankenhauses der Stadt Wien Baumgartner Höhe gelegene Klinik hatte unter wechselnden Bezeichnungen eine sogenannte Kinderfachabteilung, die im Rahmen der NS-Kindereuthanasie zur unauffälligen Ermordung von Kindern und Jugendlichen diente. Der Psychiater Heinrich Gross tötete vor 1945 behinderte Kinder und konservierte ihre Gehirne zu Forschungszwecken. Gross wurde bis zu seinem vor kurzem erfolgten Tod in mehreren Gerichtsverfahren nicht verurteilt. Im Gegenteil: Er hat vor diesen Verfahren Jahrzehnte als viel beschäftigter Gerichtssachverständiger für psychiatrische Fragen gearbeitet.
Obgleich man die Herkunft der Gehirnpräparate zwischenzeitig kannte wurden die Gehirne dieser Kinder noch lange nach dem Krieg zu Studienzwecken benutzt. Dieser Fall ist noch immer nicht bereinigt, genauso wenig wie die Frage geklärt werden konnte, was in diesem Zusammenhang gut und was böse ist.
Das, was immer noch und immer wieder geschieht, ist beunruhigend und Grund dafür, das Thema aufzugreifen.
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line 2.3. Gestalttherapie und Nationalsozialismus

In der Gestalttherapie ist die Traumaarbeit mittlerweile gut etabliert. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist hingegen recht marginal. Obwohl Laura und Fritz Perls selbst vor den Nazis aus Deutschland geflohen sind und beide nahe Angehörige durch den Holocaust verloren haben blieb dieses Thema in der Gestalttherapie unbehandelt. Fritz Perls ist auch nie mehr nach Deutschland zurückgekommen.
Ich bezweifle, ob die Gestalttherapie überhaupt das so genannte "Glück der Spätgeborenen" für sich in Anspruch nehmen kann oder darf, da sie erst nach 1945 entwickelt wurde und deshalb nicht - wie etwa die deutsche oder die österreichische Psychoanalyse - in den Nationalsozialismus verstrickt war. Für eine Form der humanistischen Psychotherapie kann es meines Erachtens nicht ausreichen, bloß nicht in die Geschehnisse des Nationalsozialismus involviert gewesen zu sein. (Höll 1999, 535)
Kathleen Höll stellt in ihrem Artikel "Politische, sozialpsychologische und ökologische Dimensionen in der Gestalttherapie", die Frage, wo die Stellungnahmen von Gestalttherapeuten zu den Geschehnissen des Nationalsozialismus sind. Sie betont die Grundsatzfrage, ob es eine Identität und einen politischen Standpunkt ohne die Aufarbeitung des Nationalsozialismus überhaupt geben kann. Zum Thema der Auseinandersetzung von GestalttherapeutInnen mit dem Nationalsozialismus als Inhalt von Therapie erwähnt sie einzig Vorträge von Roessler und Bolen ua. (Höll 1999, 535)
Helmut Dubiel beschreibt in seiner Arbeit: "Schuld, Verleugnung und Autonomieverlust - über ein deutsches Phänomen" wie die Verleugnung von Schuld Autonomie verhindert. (Dubiel 1998, 50) Die Aussagen in diesem Artikel kann man problemlos auch auf Österreich übertragen.
Kirsten Roessler hat ihren sehr interessanten Vortrag aus dem Jahr 1994 "Gestalttherapie und Geschichte - Die Bedeutung des Nationalsozialismus in den Therapien der zweiten und dritten Generation" in der Zeitschrift Gestalttherapie veröffentlicht. (Roessler 1999, 79) Weiters habe ich noch den sehr interessanten Beitrag von Lannie Peyton: "Gestalttherapie zwischen politischer Profilierung und Harmlosigkeit" gefunden, der sich auch mit dem Thema Gestalttherapie und Nationalsozialismus beschäftigt. (Peyton 1996, 14).
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line 2.4. Zu meinem Anliegen

In der therapeutischen Arbeit tauchte und taucht die Thematik des Nationalsozialismus immer wieder auf und es stellt sich die Frage, wie es den Kindern und Enkeln der Nazis geht und vor allem, warum ihre Befindlichkeit so ist wie sie ist. Eine Hypothese dazu lautet: Je mehr sich Eltern bzw. Großeltern mit der Ideologie des so genannten Dritten Reiches identifizierten, umso schlechter geht es den Nachkommen. Umso mehr lebensfeindliche Muster werden tradiert, werden Abwertungen weitergegeben und hat die Liebe nicht den ihr gebührenden Stellenwert. Mädchen wie Burschen wurden zu einem harten Herzen erzogen. Eltern verboten sich oft ihren Kindern die Liebe zu zeigen, die sie für sie empfanden. Zärtlichkeit galt oft als Schwäche, das Eingehen auf die Bedürfnisse der Kinder als Verwöhnen, Mitgefühl war peinlich. Liebe war kein Thema, sondern eher galt es, gehorsam seine Pflicht zu erfüllen und sich strenger Zucht unterzuordnen. Besonders Burschen, aber auch Mädchen wurden brutal und demütigend körperlich bestraft. Es war ein Leben ohne Trost, vermeintlichen Schwächen wurde im Individuum wie im ganzen "deutschen Volk" höhnisch mit Härte begegnet. So konnte man intelligente Roboter erzeugen, liebenswürdige und liebesfähige Menschen aber schwer verstören.
Allerdings gibt es auch viele Nachkommen, die zumindest nach außen hin erfolgreich sind und ihrer Meinung nach mit ihren Schwierigkeiten gut genug zurechtkommen. Manche rationalisieren statt zu trauern und nicht alle wollen den Weg in die Psychotherapie finden. Viele dieser Nachkommen hätten dennoch heute ihre Eltern oder Großeltern lieber im Widerstand gesehen als im Dokumentationsarchiv. Aber - wie man aus der Geschichte weiß - waren die meisten "bei der Partei".
Deren Schweigen über die aktive und passive Beteiligung hinterließ ihre Nachkommen in Unkenntnis und Verwirrung. So waren diese auf ihre Ahnungen verwiesen - und wenn sie Tatsachen wissen wollten, mussten sie die Familiengeschichte überprüfen. Damit machten sie sich nicht beliebt, stießen auf individuelle und gesellschaftliche Abwehr. (Grünberg 2000, 1021) Sie waren in der schwierigen Lage, für ihre Gesundung etwas herausfinden zu sollen, was sie oft gar nicht wissen wollten oder sogar fürchteten.
Es gelang mir in einer Therapie einen zehnjährigen Knaben von seiner Angst, unheilbar krank zu sein zu befreien. Als Hintergrund seiner Angst zeigte sich die Angst seines Großvaters, an Alzheimer unheilbar erkrankt zu sein. Dieser Großvater war Gendarm im Dritten Reich und hatte Grund vergessen zu wollen. Da er mit seiner vermuteten Krankheit, oder vielleicht mit seiner Schuld nicht zu recht kam, erschoss er sich. Ab da verringerten sich die Symptome seines Enkels und er wurde ein altersgemäß ausreichend lebendiger Bursche. Mit Hilfe eines Genogramms ließ sich die Belastung darstellen, die auf dem einzigen Enkel einer mütterlicherseits im Nationalsozialismus engagierten Lehrerfamilie und väterlicherseits eines gehorsamen Gendarmen mit Gattin lastete. (Heindl 2004, 141)
Es war meistens ein Familienmitglied, welches die Familiengeschichte hinterfragte. Für dieses Hinterfragen wurde es von der Familie meist ausgegrenzt und bekämpft, jedenfalls bei seiner Wahrheitssuche kaum unterstützt. (Moser 2001) Manchmal zeigte sich ein ähnliches Phänomen wie bei Familien, in denen ein Missbrauch aufgedeckt wurde. Die Familie zerfiel, da sie mit der Wahrheit, der Schuld und den auftauchenden Gefühlen nicht umgehen konnte.
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line 2.5. Dazu ein Beispiel aus meiner Praxis:

Die Geschichte von A handelt von einem Menschen, die nicht anders konnte, als sich ihrer Familiengeschichte zu stellen:
A ist nach dem Krieg geboren und Angehörige der zweiten Generation. Ihre Mutter aus der ersten Generation erlebte das Alt-Werden und den Verlust ihrer Leistungsfähigkeit als einzige Niederlage und Schande. Der Verlust von Jugendlichkeit, das Hineinschlittern ins Wertlose, ins Bedürftige, ins Lebensunwerte und in den körperlichen Verfall erschien ihr als persönliches Versagen, als Verlust des (Selbst-)Wertes.
Diese Mutter hat es bis zu ihrem Tod gut geheißen, behinderte Kinder und Jugendliche zu töten. Manche dieser Jugendlichen kannte sie, da die "leichteren Fälle" im Haushalt ihrer Eltern unentgeltlich arbeiteten. Sie fand es in Ordnung, wenn diese Menschen eines Tages verschwanden und durch neue ersetzt wurden. Sie wusste auch, dass sie getötet wurden, weil sie dem nationalsozialistischen Ideal vom Menschen nicht entsprachen.
Die Mutter von Frau A war nicht fähig, Liebe zu zeigen, wagte es nicht, zu lieben, und hatte tiefe Zweifel an ihrer eigenen Liebenswürdigkeit. Die Fürsorge für die Kinder beschränkte sich auf die materielle Versorgung. Sie hat auch den Missbrauch der Tochter durch den Vater nicht bemerkt. Der Gebrauch der Frauen und der Kinder durch die Männer auch im sexuellen Bereich war so normal. Es gab ja auch den Begriff der "ehelichen Pflichten".
A heiratete sehr jung einen misshandelten, verstörten und gewalttätigen Mann. Sie bekam sehr rasch Kinder, schaffte es, ihr Studium zu beenden und ist künstlerisch sehr begabt. Ihre Ehe zerbrach und ihre Kinder blieben kinderlos.
A litt an Panikattacken und an großer Angst vor Krankheiten. Sie hatte ihr inneres Zuhause noch nicht gefunden. Ihre Angst, sich einzulassen und ihre Angst vor Nähe war noch zu groß - ihre Erfahrungen mit Nähe zu schrecklich. A lebte nach dem Satz "Leistung ist es, was dem Menschen das Recht zu leben gibt." In der Abenddämmerung allein in ihrem Haus bekam A oft Angst und es tauchte der Satz auf: "Wieder ein Tag zu Ende und ich habe nichts geleistet."
A gelang es durch Erzählen, die Geschichte ihrer Eltern von ihrer eigenen Geschichte zu trennen, die Vergangenheit vergangenheitsfähig zu machen und Raum zu finden, ihre Begabungen in der Gegenwart zu leben. Ihre psychosomatischen Beschwerden und ihre Ängste, schwer krank zu sein, beruhigten sich. Ihre Körperwahrnehmung wurde genauer.
Eine große Hilfe in dieser Entwicklung, ein "Aha- Erlebnis", war zum Beispiel die Einführung einer Märchengroßmutter, (Reddemann 2004) die dem einsamen kleinen Mädchen in ihr Trost spendete und so ein Stückchen Vergangenheit befriedete.
Seit sich A erinnern kann war sie überzeugt, dass ihre Mutter nicht und daher niemand sie mochte. Deshalb schaute das kleine Mädchen immer böse - was ihrer Mutter missfiel. Sie selbst war lange nicht in der Lage, das kleine Mädchen in sich mit liebevollen Augen anzusehen. Sie mochte das kleine Mädchen auch nicht, hatte große Zweifel an ihrer eigenen Liebenswürdigkeit. Dieses Erbe ist das Schlimmste für sie, sagte A.
Das Fehlen des mitfühlenden inneren Anderen, hier der inneren Mutter, machte es fast unmöglich, vom Trauma zu erzählen.
A hat den Wunsch, sich mit dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen, will wissen und wird durch ihr Verstehen der Zusammenhänge gesünder. Sie ist nun in der Lage, den auftauchenden schmerzlichen Gefühlen ihren Platz zu geben. Kopf, Bauch und Herz integrieren abgespaltene eigene Anteile und grenzen fremde Introjekte aus.
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line 3. Der Kriegs- und Nachkriegskinder Last

Die Kriegs- und Nachkriegskinder, die zweite Generation, zu der auch die oben beschriebene A gehört, verdienen hier ihre besondere Würdigung: Viele von ihnen wurden nach dem, in der Fachliteratur mittlerweile berüchtigten Büchlein: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind (Haarer 1934) in Ordnung, nach strengem Rhythmus, nach der äußeren Form und mit großer Strenge erzogen. Man war damals etwa der Meinung, dass Säuglinge keinen Schmerz spüren (so hat man sie oft ohne Narkose operiert), diese bloß schreien, weil sie zornig sind oder im Machtkampf gegen die Mutter siegen möchten. Am besten war es Säuglinge abseits allein unterzubringen und sie schreien zu lassen um ihren Eigensinn zu brechen. Auch glaubte man, dass Neugeborene nicht sehen können und keine Gefühle haben, was im Widerspruch zu obigen Behauptungen steht. Daher war auch kein Mitgefühl nötig. Die Kinder wurden zur Unterordnung und Reinlichkeit erzogen, da man das Böse in ihnen bekämpfen musste. Wenn die Kinder Eigenes entwickelten, so war das eher zu verändern, vor allem dann, wenn es den Vorstellungen der Eltern nicht entsprach.
Soweit Kriegskinder überhaupt das Glück hatten, Eltern zu haben. Diese Kinder waren betroffen und vielfach allein gelassen mit den Bedrohungen des Kriegs, den Bomben, den zerrissenen Familien, der Zerstörung, den Verlusten von Menschen, Orten, Heimat, allein gelassen mit einer oft entsetzlichen Flucht.
Die Kinder lernten schnell, dass sie nicht so wichtig waren. Wichtig waren die Erwachsenen in ihrer Not, die Männer an der Front und die Frauen, die allein zurechtkommen mussten. Die Erwachsenen waren mit dem nackten Überleben beschäftigt, mit ihren eigenen Traumen.
Kriegstraumen der Soldaten wurden schon nach dem ersten Weltkrieg beforscht und behandelt, so auch die Kriegstraumen nach dem zweiten Weltkrieg. Kriegskinder hingegen haben gelernt, dass sie nicht wichtig sind und nichts sagen können, weil sie (angeblich) nichts gemerkt haben von der Not derer, die im Krieg waren oder die verfolgt wurden. Und doch haben viele dieser Kinder Schaden an ihrer Seele genommen. Es war nur wenigen möglich ihre Entwicklungsaufgaben zu leisten, gesunden Selbstwert und gute Ichstärke zu entwickeln, nicht alle wurden liebevoll gefördert und durften zu liebevollen und liebesfähigen Menschen werden.
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line 4. Die Weitergabe der Folgen der damaligen Geschehnisse und Traumata der ersten Generation an die zweite und die dritte Generation

4.1. Hans Keilson und die Kinder

Hans Keilson, ein in der Nazizeit aus Deutschland nach Holland emigrierter jüdischer Arzt und Sportlehrer, beschäftigte sich mit den Traumen der Kinder. Manchmal gelang es Eltern, bevor sie selbst ins KZ mussten, ihre Kinder noch zu verstecken und sie so zu retten. Diese Kinder blieben meistens am Leben. Keilson schaffte es, sich um die von ihren Eltern versteckten Kinder zu kümmern. Nach Kriegsende betreute Keilson auch Kinder, die im KZ überlebt hatten und zurückgekommen waren.
Es dauerte zehn Jahre, bis Keilsons Arbeit für wichtig genug gehalten wurde, um deren Veröffentlichung zu finanzieren. So unglaublich uninteressant war das Leiden der Kinder damals. Keilson prägte in seinem Buch Sequentielle Traumatisierung bei Kindern den Begriff der "traumatischen Sequenzen". (Keilson 1979) Die lang andauernde extreme Belastungssituation gliederte er in unterschiedliche Phasen im Traumatisierungsprozess auf:
  • Erste Sequenz:
      feindliche Besetzung und beginnender Terror durch die Nazis
  • Zweite Sequenz:
      einsetzende Verfolgung, Trennung von den Eltern und Aufenthalt in Verstecken und im KZ
  • Dritte Sequenz:
      Nachkriegsperiode
Dabei zeigte sich die besondere Bedeutung der dritten Sequenz. Gelang die Eingliederung in eine neue Familie, in eine neue Realität, so konnten diese Kinder bei einer neuerlichen Befragung fünfundzwanzig Jahre später ein gutes Leben haben. Kinder mit einem relativ günstigen Verlauf der zweiten traumatischen Sequenz, aber mit einer relativ ungünstig verlaufenden Betreuung in der Nachkriegsperiode, zeigten fünfundzwanzig Jahre später ein schlechteres Entwicklungsbild. Die mangelhafte Fähigkeit von Pflegeeltern, die Bedeutung des Traumas für das betroffene Kind zu erfassen und sich verstehend darauf einzustellen, erwies sich als ein neuerlicher traumatogener Faktor. Keilson beschreibt damit empirisch die Bedeutung der Beziehungen und des kommunikativen Aspekts für die Auswirkungen von Traumatisierungen. (Bohleber 2000, 814) Keilson nennt auch den Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt der Traumatisierung eines Kindes oder Jugendlichen und den Traumatisierungseffekten auf die Entwicklung, wobei Kontaktfähigkeit, Trauerproblematik und Angstproblematik von besonderer Bedeutung sind. Keilsons Erkenntnisse über die sequentielle Traumatisierung sind grundlegend und natürlich auf alle Menschen anwendbar.
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line 4.2. Wie werden nun Traumatisierungen weitergegeben?

Dori Laub, ein Analytiker, schreibt in seinem Aufsatz Eros oder Thanatos? Der Kampf um die Erzählbarkeit des Traumas: "Schwere Traumatisierung hat eine amorphe Präsenz, die nicht durch Raum, Zeit und Handlungsfähigkeit eingegrenzt ist. Ohne Anfang, Mitte und Ende zieht sie sich durch die Erinnerung mehrerer Generationen. Schwere Traumatisierung färbt und formt über mehrere Generationen die gesamte innere Repräsentation von Realität; das Trauma wird zum unbewussten Strukturprinzip, das die Eltern weitergeben und die Kinder internalisieren. Aufgrund der Ahistorizität des Traumas sind die Auswirkungen tendenziell generationenübergreifend. Sie begründen einen Evolutionsprozess, der sich erst nach mehreren Generationen erschöpft." (Dori Laub 2000, 866)
Laub vertritt auch die Meinung, dass jeder, der auch nur entfernt an einem Trauma beteiligt ist, davon auf unterschiedliche Weise betroffen ist. Weiter unten in der Arbeit (Dori Laub 2000, 867) heißt es: "Traumatisierung schließt das Wissen vom Trauma aus. ..."
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line 4.3. Das Wissen-Wollen

Das Wissen-Wollen ist für mich ein Hinweis auf die Bereitschaft, sich mit dem Trauma in der eigenen und der übrigen Familiengeschichte auseinanderzusetzen und ein Hinweis auf den Wunsch, die Löcher in der psychischen Struktur zu füllen. Das Wissen-Wollen der Realität des Traumas, seinen historischen Rahmen zu finden, ist nötig, um Phantasie und Realität abzugrenzen, den Nebel von (unbewussten) Phantasien, Schuldgefühlen und Bestrafungstendenzen zu lichten.
Die Traumatisierung der Eltern überträgt sich auf die Kinder als ein kumulatives Trauma. (Bohleber 2000, 816) Die Eltern konnten ihre Affekte und Phantasien und die davon geprägten Selbstanteile nicht in sich halten und beruhigen oder sie symbolisch bearbeiten, sondern sie brauchten ihre Kinder, um sich von dem unerträglichen Übermaß an Trauer und Aggression projektiv zu entlasten. Unbewusst wird vom Kind erwartet, dass es die affektiv belasteten Traumata ungeschehen macht, die die seelische Struktur der Eltern verwundet haben. Robert Schindel beschreibt dies in seinem Roman Gebürtig so: "Bis vor 2 Jahren hatte er pausenlos in seiner Freizeit seiner Familie das Ohr hingehalten, so ist der lebendige Tod mit allen Wörtern in ihn hineingeraten". (Schindel 2001)
Das Kind stellt mit seiner Person einen psychischen Raum dar für Wünsche, Ängste und Affekte eines anderen, die nicht die seinen sind, ihm aber eingeschrieben werden. Aufgrund der engen Verbundenheit mit dem Elternteil ist es ihm nicht möglich, sie als fremd zu erkennen und seine Autonomie zu behaupten. So fungiert das Kind etwa als Ersatz eines verstorbenen geliebten Familienmitglieds oder das Kind bekommt einen Auftrag zugeschrieben: Seine Lebensziele sollen den Familienstolz durch persönliche Leistungen wieder herstellen und vergangene Verletzungen heilen. (Bergmann 1982) Indem nun das Kind diese Phantasien übernimmt, rechtfertigt es die traumatisierten Erwachsenen, versucht ihnen zu helfen und erhält so die enge Beziehung aufrecht.
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line 4.4. Identifizierung des Kindes

Die Eltern-Kind-Beziehung hat einen stark symbiotischen Charakter. Der Individuations- und Separationsprozess der Kinder stellt eine ernste Bedrohung des familiären Gleichgewichts dar. Die wichtigsten Kennzeichen dieses Identifizierungsprozesses fasst Bohleber folgendermaßen zusammen:
  1. Die Identifizierung findet nicht mit der Person oder den Eigenschaften von Vater oder Mutter alleine statt, sondern es ist ein Typus von Identifizierung mit einer Geschichte, die vor seiner Lebenszeit lag. (Bohleber 2000) Kestenberg spricht von "Transposition" einer unbewussten identifikatorischen Teilhabe an der vergangenen traumatischen Lebenszeit der Elterngeneration. (Kestenberg 1989), Faimberg kennzeichnet diesen Identifizierungstypus als "telescopage" (Telescoping), als ein Ineinanderrücken von drei Generationen. (Faimberg 1986) Klein und Kogan verwenden das Konzept "Mythos of Survival", das als unbewusstes Phantasma über die Geschichte der Eltern in die Psyche der Kinder eindringt und um Tod und Leben oder um die Rollen von "Mörder" und "Opfer" kreist. (Klein und Kogan 1986)

  2. Das Kind nimmt totale Identifizierungen mit dem Elternteil vor, die ihm auch von Seiten der Eltern / des Elternteils aufgezwungen werden, wenn sie das Kind zur Regulierung ihres prekären narzisstischen Gleichgewichts benötigen. Indem die Geschichte eines anderen in das Kind hineinprojiziert wird und es sich damit identifiziert, erlebt es in einem Teil seines Selbst ein Gefühl der Entfremdung. Diese Identifizierungen können nicht ins Selbst assimiliert werden, sondern bilden einen Fremdkörper. Abraham und Torok sprechen von "endokryptischer Identifizierung" (Abraham und Torok 1976).

  3. Es handelt sich um eine unbewusste Identifizierung, die aber nicht einer Verdrängungsleistung entstammt, sondern durch direkte Einfühlung in den unbewussten, verschwiegenen oder totgesagten Inhalt eines elterlichen Objekts entstanden ist. Man kann es als Geheimnis oder als "Phantom" bezeichnen, das sich im dynamischen Unbewussten des Kindes eingenistet hat. Eigene Gefühle und eigenes Verhalten entpuppen sich als entlehnt und gehören eigentlich der Geschichte der Eltern an.

  4. "Ein Charakteristikum ist das spezifische Verhältnis zu Zeit und Zeiterleben. Indem diese Kinder in zwei Wirklichkeiten leben, ist die Vergangenheit mit der Gegenwart vermischt. Die Folge ist eine zumindest partielle Identitätsverwirrung oder das Gefühl einer fragmentierten Identität."
Robert Schindel beschreibt in seinem Roman Gebürtig, einem Roman über die zweite Generation, eine Figur. Dieser Mann geht in Wien seiner vertrauten Wege und erinnert, einfach so, ein Stück aus dem Leben seines Vaters, das dann auch, einfach so, wieder verschwindet, eingebettet in den Fluss seiner Erinnerungen und Gedanken.
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line 4.5. Dazu wieder ein Beispiel aus der Praxis

In diesen Zusammenhang gehören auch manche Nachkommen der im Jahr 1945 etwa Siebzehnjährigen, die mit überzeugter Hingabe FLAK-Helfer waren und die ihren Kindern später das als lustiges Abenteuer erzählten. Frau B war zum Beispiel so ein Kind. Frau B hatte ein großes Bedürfnis nach Symbiose und Fusion und musste sich so nicht mit anderen Meinungen auseinandersetzen. Sie tat sich schwer mit der Therapie und schwer damit hinzuschauen auf ihre Geschichte und auf die Schuld ihrer im Nationalsozialismus engagierten Vorfahren. Sie verstand nicht, dass es bei ihr um tradierte Verhaltensmuster ging und nicht um ihre Schuld. Die Schuld liegt bei den Tätern, nicht bei deren Nachkommen. Und doch tragen die Nachkommen schwer daran. Frau B hatte eine Erkrankung des Autoimmunsystems.
Der erste Teil der Therapie von Frau B hatte das Ziel, sich als erwachsene Frau zu erfahren, die ein erwachsenes Leben führen kann. Das eigene Leben zu finden bedeutet oft auch, Familienloyalitäten aufzugeben, den zugewiesenen Platz in der Familie zu verlassen und sich neu zu erfinden, wie es zum Beispiel Albert Camus in seinem Roman "Der erste Mensch" beschreibt. (Camus 2000)
Die Opfer schwiegen, um ihre Kinder zu schützen, die Täter schwiegen, um sich selbst zu schützen.
Werner Bohleber formuliert dies so: "Die Pathologie der Eltern, das Verleugnen der Beteiligung am Nationalsozialismus und an seinen Verbrechen, die Hörigkeit gegenüber seinen Idealen, die Korrumpierung des elterlichen Ich-Ideals, die Unfähigkeit, sich mit Schuld und Verantwortung auseinander zusetzen, all das zeitigte für die Kinder Spätfolgen. Eine solche Situation konnte durchaus als traumatisch im Sinne einer lang einwirkenden Schädigung angesehen werden." (Bohleber 2000)
Durch das Kennenlernen der Welt der Eltern, der Lebensgeschichte der Eltern ist eine Lösung der projektiven Identifikationen der Eltern auf das Kind möglich, kann später der Erwachsene die Introjekte erkennen und sich von ihnen lösen. Die Schuld und die Verantwortung gehört in die erste Generation - und sonst nirgends hin.
Hier kommt wieder eine Figur aus Schindels Roman Gebürtig ins Spiel, der Konrad Sachs, der - gequält von seinen Alpträumen ? beginnt, sich zu erinnern: Er hat als Sohn des deutschen Gouverneurs von Polen ein schönes Funktionärshaus im KZ Auschwitz bewohnt und im Alter von etwa vier oder fünf Jahren dort viel gespielt. Als er sich erinnert und als Mittvierziger begreift, was er gesehen hat, kann er nicht mehr als Ehemann und Freund weiterleben wie bisher - sein Entsetzen ist zu groß. Er bricht alle Beziehungen ab, zieht in eine andere Stadt. Einzig seinen Beruf als Kulturkritiker kann er noch ausüben. Sachs sucht jemand bestimmten, dem er seine Geschichte erzählen kann und findet diesen jemand in einem jüdischen Schriftsteller der gleichen Generation. Erst dann kann er zurück zu seiner Frau, zu seinem früheren Leben und schreibt als Produkt der Auseinandersetzung mit seinem Vater ein unterschiedlich angenommenes Buch.
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line 4.6. Träume

Christa Schmidt erklärt in Das entsetzliche Erbe, Träume als Schlüssel zu Familiengeheimnissen die Auswirkung der Traumata für das Kind mit den Begriffen "projektive Identifikation" und "Containing": Wenn ein Baby hungrig oder unruhig ist, so kümmern sich die Eltern normalerweise, füttern es, trösten es, antworten adäquat. (Schmidt 2004, 46) Das Kind lernt dann selber Spannungen zu verringern, Angst auszuhalten und introjiziert viele Fähigkeiten der Eltern. Das Baby projiziert sein Leid an die Mutter, diese spürt, was in ihrem Kind vorgeht und handelt so, dass es ihm wieder besser geht. In einer guten Mutter / Eltern-Kind - Beziehung gibt es eine gute Wechselwirkung zwischen Projektion und Introjektion.
Traumatisierte Eltern sind nur begrenzt in der Lage, für ihre Kinder "Containerfunktion" zu übernehmen, einen geschützten Raum für sie herzustellen.
Nach Bion baut sich die Seele auf, indem sie Erfahrungen verdaut. (Schmidt, 2004, 47) So wird sie fähig, zu denken und zu träumen. Das Kind lernt und bringt Ordnung in seine innere Welt, wenn es die Funktionen der Eltern internalisiert. Wenn jetzt eine Mutter selbst traumatisiert ist, Unverdautes in sich hat, weil Traumen manchmal von einem Menschen allein nicht verdaut werden können, so kann sie nicht "containen", das Kind nicht trösten und in seiner Entwicklung fördern. Erfüllt von eigenen Katastrophen gebrauchen solche Eltern ihre Kinder als Mülleimer; diese müssen die unverarbeiteten Gefühle der Eltern introjizieren, was für sie eine Katastrophe bedeutet, denn sie bleiben voll Angst, Spannung und Schmerz ganz allein, können sich nicht gut entwickeln, bleiben verletzlich und ungeschützt und sind ständigen Retraumatisierungen ausgesetzt. (Schmidt 2004, 48)
Christa Schmidt kommt über Träume, deren Inhalte aus der Lebensgeschichte der Patienten nicht erklärbar sind, zu der Lebensgeschichte der Eltern. Wenn in Nazifamilien nach dem Krieg das Wesentliche nicht gesagt werden darf, Angst vor der Wahrheit herrscht, so kann das in den Therapien sehr wohl sein, kann ein Ich einfach sein, die eigene Identität herausgelöst werden aus fremden, vergangenen Lebensgeschichten. So dachte ich für mich während meiner therapeutischen Arbeit manchmal, es drücken sich die Brüche durch Krieg, Verluste, Flucht und Zusammenbruch einer Weltanschauung im Leben der ersten Generation im Leben der zweiten Generation - verstärkt durch unmenschlich harte Erziehung - als Unfälle, gebrochene Knochen und zerbrochene Beziehungen aus. Es brauchte dann lange Therapien, bis Lebensmut und ein brauchbares Maß an Selbstwert entstand.
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line 4.7. Ein weiteres Beispiel aus der Praxis

C war eine, die träumte. Nach dem Krieg geboren hatte sie Schuldgefühle, weil ihr Vater bei der SS war. Im Verlauf der Therapie tauchte ein Ring im Hals auf, der sie würgte und ihr das Atmen erschwerte. In einer Visualisierung bei Konzentration auf diesen Ring zeigten sich graue Steine wie bei einem Brunnenrand. Aus der Tiefe des Brunnens tauchten Bilder von Viehwaggons auf, in denen Menschen verfrachtet wurden. Die Gefühle zu diesen auftauchenden Bildern hinderten sie am Atmen. Sie träumte in schrecklichen Bildern von Erschießungen und Folterungen. In diesen Träumen hatte sie keine handelnde Rolle, sondern war nur Beobachterin mit allen entsetzlichen Gefühlen. Sie träumte von der willenlosen Frau, die alles mit sich geschehen ließ, was Mann, Mutter oder Vater von ihr verlangten.
Auch die Mutter von C, eine akademisch gebildete Frau, war nicht fähig, Liebe zu zeigen. Die Fürsorge für ihre Kinder beschränkte sich auf die materielle Versorgung. Auch sie hatte den Missbrauch ihrer kleinen Tochter im Vorschulalter durch den Vater nicht bemerkt.
Bei der ersten Heirat traf C eine pathologische Partnerwahl und hatte Kinder mit dem ersten Mann. Da sie ihre Kinder liebte und es besser machen wollte, verwöhnte sie ihre Kinder und erzog sie antiautoritär; das hieß, sie setzte keine Grenzen und gab wenig Orientierung, was sie heute bedauert. Sie war depressiv, masochistisch und konnte ihr ererbtes Vermögen nicht halten. Ihre Frage war: Wozu bin ich gerettet worden?
Ihre Erinnerungen an den Missbrauch drängten sich immer wieder in ihre Gegenwart. Symbolisch nannte sie diese Erinnerungen "den Gefängniswärter", der sie nicht ins Leben hinaus ließ. Wie es auch Luise Reddemann lehrt inszenierten wir ein Spiel mit einer Puppe (für sich) und einem Teddybären (als Gefängniswärter). (Reddemann 2004, 133) Die Puppe fragte in diesem Spiel den Teddybären, warum er sie nicht herausließ. Der Gefängniswärter antwortete, er habe keinen besonderen Grund sie festzuhalten. Es sei ein Befehl, dem er gehorche. Sie, C, sei sein Job, den er nicht verlieren wolle. Er wolle auch nicht darüber nachdenken, sonst könnten ihm Zweifel kommen. Da machte C den Wärter einfach stockbetrunken, holte die Puppe heraus und brachte den Wärter an einen Ort, wo er keinen Zugriff mehr auf die Puppe hatte. Sie erklärte der Puppe, dass sie keine Angst mehr zu haben braucht und für sie gut sorgen wird. Die Stimmung war voll überraschtem Lachen über dieses Spiel, das C völlig neu war. Die Auflösung dieser Geschichte hielt, der Wärter, ihre Erinnerung, quälten sie nicht mehr. Letztendlich wurde C wieder eine lebensbejahende Frau. Sie brauchte ihren Sport und ihre Meditation, um sich in Balance zu halten und gelegentlich eine Therapiestunde. Aber C war frei. Selbst Familientreffen bescherten ihr keine Alpträume mehr. Das Ende der Therapie war mit einem Gefühl der Ruhe, der Zufriedenheit und der Aussöhnung mit der Welt verbunden. Mit der Welt, die nun einmal kein guter Ort ist und auf der es doch so viel Glück und Schönheit gibt.
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line 4.8. Themen, die sich durch Lebensgeschichten ziehen und in Therapien zu Sprache kommen

Eindrucksvoll scheint mir die Geschichte einer Generationenfolge, in der das vorläufige Ende zunächst ein psychotischer Sohn ist:
Der Großvater war schon vor 1933 deutschnational gesinnt und Hitleranhänger, ein Hausherr und Fabrikant. Er war lieb- und treulos seiner Frau gegenüber. Seine Tochter schickte er zur Zeit des Dritten Reichs weit weg nach Deutschland, um dort eine Berufsausbildung im sozialen Bereich zu absolvieren. Weit weg deshalb, weil es dort kostenlos war. Diese Tochter stand dann als Ehefrau und Mutter hilflos den Anforderungen einer Ehe und der Erziehung ihrer Kinder gegenüber. Die Ehe zerbrach, die Kinder setzte sie vor die Tür, als diese gerade an der Schwelle zum Erwachsenenalter standen. Auch ihre Tochter heiratete wiederum einen Mann aus einer ähnlichen, reichen Familie, diese Ehe zerbrach und der daraus entstammende Sohn wurde psychotisch.
Die Mutter des psychotischen Sohnes hatte eine spezielle Interpretation ihrer Wahrnehmung. So holte sie zum Beispiel ihren halbwüchsigen Sohn nach einem Unfall aus dem Krankenhaus ab. Er war abgemagert, weil er sich die Zähne ausgeschlagen hatte und nichts essen konnte; er humpelte auf Krücken, weil sein Fuß gebrochen war und er trug einen gestreiften Krankenhauspyjama. Alles, was sie sich bei diesem Anblick denken konnte, war: Er sieht aus wie ein Verbrecher! In Wahrheit sah er aus wie ein KZ-Häftling. Später gelang es ihr, ihn mit liebevolleren Augen anzusehen. Es gelang ihr, ihren Sohn trotz ihrer eigenen Bedürftigkeit aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen zu lassen und ihm die Gestaltung eines eigenen Lebens zu erlauben, ihn dabei sogar zu unterstützen.
Wenn die Liebe in der Entwicklung mehrerer Generationen fehlt, wenn der mitfühlende innere Persönlichkeitsteil fehlt, werden die Lücken in den Seelen so groß, dass Ich und Selbst nicht mehr stabil genug sind, brechen.
     4.8.1. Konkurrenz
  • Konkurrenz, besonders unter Frauen, Müttern, Töchtern und Schwiegertöchtern ist ein großes Thema und wird meist destruktiv gelebt. Der Selbsthass der Frauen erfährt sein Ventil an anderen Frauen, eine restriktive Erziehung wird an die Töchter (gerne an Schwiegertöchter) weitergegeben und entlastet dadurch die Mütter (Schwiegermütter, und deren Familien). Der Selbstwert der Frauen wurde möglichst klein gehalten. Durch ihre Anbindung zu Hause, eine schlechte Berufsausbildung, die ständige Verfügbarkeit für den Mann, die Aufgabe, Kinder zu gebären und gleichzeitig hören zu müssen, dass dadurch ihre körperliche Attraktivität nachlässt, wurden sie in emotionaler und wirtschaftlicher Abhängigkeit gehalten.

  • Wenn die Töchter vom Vater oder einem anderen Mann missbraucht wurden, zeigte sich im Umgang damit die Abhängigkeit der Mütter, aber auch ihr Hass und ihre Konkurrenz gegenüber der jüngeren und attraktiveren Tochter. Es gab wenig Liebe in diesen Familien, der Zusammenhalt lief über Macht, Kontrolle und Abwertung. Je weniger Ressourcen ein heranwachsender Mensch haben darf, umso abhängiger bleibt er.

     4.8.2. Lebensangst
  • Viele trauen sich nicht zu leben, wissen nicht, wie sie von den Schuldgefühlen wegen der Schuld ihrer Eltern oder Großeltern frei werden können, beklagen ihre Unfähigkeit, genügend trauern zu können. Heimatlosigkeit, sich nicht zu Hause fühlen können, die Erinnerung daran, alles verloren zu haben und immer wieder von Neuem anfangen zu müssen, Brüche im Lebenslauf, die manchmal im eigenen Körper in Form von Unfällen neu inszeniert werden (müssen) sind Phänomene, die auch Vertriebene kennen. Die Flucht als unverarbeitetes Trauma bleibt über Generationen. Wenige Ressourcen stehen zur Verfügung wenn die Eltern als Täter bekämpft werden müssen. Die Wurzellosigkeit, das "Loch im Rücken" ist ein Problem, das in der therapeutischen Arbeit berücksichtigt werden muss.

  • Beruflicher Erfolg ist oft leichter zu leben als eine gute Beziehung.
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line 5. Und wieder von der Liebe ...
Wo ist jetzt der versöhnliche Schluss dieses Artikels? Gibt es ihn oder gibt es ihn nicht? Brauchen wir eine Perspektive auf ein Leben mit Mitgefühl für andere Menschen und Liebe zu unseren Nächsten wie zu uns selbst?
Was brauchen die jungen Männer und Frauen aus der dritten Generation, die gerne Familie haben wollen, aber nur wissen, wie es nicht sein soll und keine Vision von einer ausreichend guten Partnerschaft und Elternschaft haben?
Der Sinn einer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, der gute Abschluss ist die Erleichterung und die Zufriedenheit, endlich Bescheid zu wissen, die eigenen Gefühle und damit sich selber gefunden zu haben. Jetzt kann die Vergangenheit in Frieden ruhen und der Mensch ist bereit für etwas Neues im eigenen Leben, vielleicht bereit, seine Lebenskraft in und durch seine Liebe, durch gelingende Beziehungen zu leben.
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line Hier als Acrobat Portable Document Format (PDF) abrufbar line
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line  Literatur line
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line Hilde Heindl   Hilde Heindl
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