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Florian hat Angst
Fallbeispiel
  (WCP-Workshop am 18. 7. 2002)  

Zusammenfassung

Der Focus dieser Betrachtung einer Psychotherapie liegt auf den Beziehungen innerhalb der Kernfamilie und auf dem Einfluss, den väterliche und mütterliche Herkunftsfamilien, z. B. durch Verwischen der Generationengrenzen, auf die Symptome des Knaben ausüben. Verwischte Generationengrenzen verhindern eine klare Figur ? Hintergrundtrennung im Sinne der Prägnanz der Generationenbeziehungen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die spezifische und unterschiedliche heilende Unterstützung, die von der Mutter und/ oder vom Vater kommen kann. Hier wird der Vater in seiner triangulierenden Funktion herangezogen. Synchron wird an den intrapsychischen Strukturen mit dem Knaben gearbeitet, dessen Selbstentwicklung und Selbstwert und feldbezogen der der Eltern unterstützt. Die allmähliche Lösung der depressiven Verstrickungen hat eine gesteigerte Neugier, Aktivität und Öffnung zur Welt zur Folge. 

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line Ausgangslage
Diese Vorgeschichte berichtete mir die Mutter am Telefon:
Florian wurde von einem Kinderkrankenhaus zu mir geschickt. Er hatte seine Eltern gebeten, mit ihm ins Spital zu fahren, weil er solche Angst hatte sterbenskrank zu sein. Er war mehrere Tage im Spital, ein Elternteil war immer bei ihm. Dort fühlte er sich sicher. Organisch war er völlig gesund, was ihn zusätzlich beruhigte. Er war ein zarter, durchscheinender Bub, ausreichend groß, damals 9 Jahre alt und besuchte die 4. Klasse Volksschule. Die Eltern meinten, daß er sich vor der ersten Deutschschularbeit seines Lebens so fürchtete. Sie und auch Florian waren froh über diese Erklärung, war sie doch wenig bedrohlich. Der Empfehlung der behandelnden Ärztin, Florian durch eine Psychotherapie zu helfen, folgten alle drei gerne. Auf die Deutschschularbeit bekam Florian ein ?Sehr gut?, er war ein sehr guter Schüler, leistungsorientiert, begabt, verbal sehr geschickt und er stotterte etwas.

Die Eltern

Florian ist ein Kind aus gutem Haus, beide Eltern haben studiert. An materiellen Dingen hat er vieles, sein Kinderzimmer mit dem ungeliebten Hochbett ist voll mit Baukästen aller Arten, Computer und den dazugehörigen Spielen. Zum ersten Termin lud ich die ganze Familie zu mir ein. Die Mutter war Lehrerin an einer berufsbildenden höheren Schule, stammte aus einer Lehrerdynastie, hatte einen Bruder. Der Vater beschäftigte sich mit der Organisation unterschiedlichster Events und verwaltete das Vermögen. Sein Vater und sein Großvater waren Berufssoldaten, er war das einzige Kind.

Erstkontakt und Setting

Zum ersten Termin lud ich die ganze Familie zu mir ein. Noch einmal wurde diese Geschichte von dem Spitalsaufenthalt erzählt, sachlich und ohne Erregung. Von der Panik, die gewesen sein musste, wurde für mich nichts mehr spürbar. Ich ersuchte sie, ihre Familie zu zeichnen, jeder so wie er / sie es wollte. Dazu bat ich sie, sich so zu setzen, dass keiner sah, was der andere auf sein Zeichenblatt brachte.
Die Mutter stellte sich plattgedrückt zu einem Fleck dar, auf dem ihr Mann sitzt. Florian, ihren Sohn, zeichnete sie daneben hin, doch deutlich abgegrenzt. Der Vater zeichnete seine Familie als kleines Spiegelei auf das große Zeichenblatt, er als Dotter, das Zentrum der Familie, wobei Florian keinen eigenen Platz hatte. Die Ähnlichkeit mit dem Bild seiner Frau war groß . Auch deutete das die Möglichkeit an, dass der Vater weder seine Frau noch seinen Sohn als eigenständige Personen sehen konnte. Sowohl die Frau als auch der Mann stellte sich nicht deutlich abgegrenzt vom anderen dar sondern einander beinhaltend.
Florian zeichnete drei grüne Personen, gut als Vater, Mutter und Florian erkennbar und voneinander getrennt, alle mit den Händen nach oben weil sie sich so freuten. Worüber wusste er nicht. Seine Wahrnehmung unterscheidet sich von der der Eltern, er erkennt jedes Familienmitglied als Individuum.
Das Gespräch verlief recht ausgeglichen, jeder ließ den anderen ausreden und hörte interessiert zu, auch Florian. Sein Wohl lag beiden Eltern sehr am Herzen. Die Mutter legte einen sehr scharfen Ton an den Tag, wenn ihr Mann etwas sagte das ihr nicht passte. Doch die dominierende Person war in dieser Stunde der Vater.
Wir besprachen auch die hier in der Therapie herrschenden Regeln: Diese sind: Was immer Florian erzählt oder tut unterliegt meiner Schweigepflicht. Er hingegen kann weitererzählen was er möchte. Was mir die Eltern erzählen ist wichtige Information, die ich nach besten Wissen in der Therapie verwende und eventuell auf meinen Wunsch, nach Absprache mit den Eltern, oder auf deren Wunsch an Florian weitergebe. Prozessorientiert bitte ich dann Mutter oder Vater oder auch beide zu einem psychotherapeutischen Gespräch zu kommen. Kriterien sind dann Fragen zur Familiengeschichte, zur Paarbeziehung der Eltern, Erziehungsfragen die mir wichtig sind, oder wenn die Eltern es wünschen. Bei einem Kind in Florians Alter wird das möglicherweise nach vier bis fünf Stunden sein. Als Kinderpsychotherapeutin bin ich dringend auf die Hilfe der Eltern angewiesen (Violet Oaklander, Annemarie Dührssen). Florian wird über das Thema der Elternsitzung informiert, sein Einverständnis ist unumgänglich. Was er hier nicht will, geschieht nicht.
Wenn mir seine Eltern etwas erzählen, was ich mit Florian besprechen will, so kann ich das mit ihrem Einverständnis tun. Die Regeln wurden akzeptiert und für gut befunden, besonders von Florian. Er wollte einmal pro Woche kommen, seine Eltern erhielten ihre Termine nach Bedarf.
Anfangs versteckt er sich hinter seiner Mutter, will nicht alleine bleiben und schaut nach allem was er tut oder spricht nach seiner Mutter, ob sie mit ihm zufrieden ist. Er macht den Eindruck eines weit jüngeren Kindes. Später erfahre ich von seinem Vater, dass er beim Grüßen nicht die Hand geben will, sich hinter seiner Mutter versteckt.
Beim nächsten mal ist der Vater mit, Florian wirkt sicher, der Vater geht auch nach etwa 20 Minuten und von dieser Stunde an bleibt Florian wie selbstverständlich allein bei mir.

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line Auftrag und Ziele
Das erste Therapieziel war zunächst, Florian zu entängstigen, etwas zu finden, das ihm Sicherheit und Ruhe brachte. Darin waren wir uns alle einig. Als das Vertrauen der Eltern wuchs, äußerten sie und Florian den Wunsch nach mehr Lebendigkeit und mehr Kontakt innerhalb und außerhalb der Familie. Über die Wege dorthin ergaben sich später durchaus unterschiedliche Ansichten.

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line Florian und die Therapie
Schon in der ersten Stunde zeigte sich die Problematik der Familie und der einzelnen Familienmitglieder. Hier ging es um den neunjährigen Florian, der sich bei seine Eltern nicht sicher genug fühlte. Sie luden ihm einfach zu viel Verantwortung auf. Und als er die erste Panikattacke seines Lebens hatte, musste er sich auch noch um seine Versorgung kümmern. Sie taten schon, was sie konnten und gaben sich Mühe und machten sich Sorgen und liebten ihren Sohn sicherlich sehr. Daher verdienten sie allen Respekt.
Die kleine Familie zeigte depressive Verhaltensmuster. Es war sehr schwer Florian zu spüren, fast als wäre er nicht existent. Seine Mutter sowie sein Vater konnten ihn das nicht lehren, da sie selber wenig spürten. Die ich ? syntone Störung des Kindes wurde von seinen Eltern nicht als solche erkannt. Er ist doch wie wir, meinten sie, daher ist er doch in Ordnung. Dazu wäre eine längere Eigentherapie nötig gewesen, zu der die Mutter durch meine Unterstützung, wenn auch auf einem esotherischen Umweg, fand. Den Vater versetzte die Zumutung einer Psychotherapie in große Angst.
Florian fühlt sich diffus grantig, angestrengt, müde. Die Mühen des depressiven Kindes, die Mühen der depressiven Eltern lasten bleischwer auf ihm.
Für mich war Florians Problematik der Vordergrund vor dem Hintergrund seiner Familiengeschichte.
Deutlich war hier, dass es sowohl nötig war, Florian bei der Entwicklung seines Selbst und seiner Ichstärke zu unterstützen, als auch die Art seiner Eltern mit ihm, ihrem Leben und der Welt in Kontakt zu treten, zu verändern.
Das Selbst ist nach der Theorie der Gestalttherapie ein relationales Selbst, das durch den Kontakt mit dem Umweltfeld immer wieder neu entsteht und sich immer wieder auflöst. Die Es- Funktion des Selbst macht sich am Beginn eines Kontaktprozesses zum Beispiel als wache Entspannung, Neugier, oder als Bedürfnis des Organismus bemerkbar. Das Selbst verwirklicht sich in der momentanen Beziehung. Durch die Existenz eines wirklichen, personalen Selbst erfahren wir Kontinuität und Identiät im Erleben unseres Kerns, nehmen uns als autentische Person im überdauernden Selbsterleben wahr. Das Selbst wird durch die Ich-Funktionen Kontakt, Abgrenzung, Versuch , seine Interessen wahrzunehmen, vertreten. Florian war die Beziehungslosigkeit vertraut, in seinem Leben gab es mehr Monolog als Dialog. Es fehlte ihm die Erfahrung von Verstandenwerden, Bestätigung von Gefühlen. Dadurch konnte er seine inneren Zustände schlecht mitteilen und somit teilen, musste er Intimität vermissen, blieb er alleingelassen. Auch die Therapie ist Mühe.
Reden als Abwehr von Impulsen und Gefühlen, anderen Menschen, Meinungen, Konfrontationen, reden ohne Punkt und Beistrich, zum Teil über schwer nachvollziehbare Inhalte, diese Technik beherrschen Vater, Mutter, Kind ausgezeichnet. Den Kontakt mit seiner Angst, Angst vor Kontakten mit Menschen, Veränderungen vermeidet er damit. Er hat Angst vorm Einschlafen und vor den Schlafstörungen. Konkret sind seine Ängste vor anderen Buben, vor allem wenn sie laut und unbekümmert sind, obwohl er noch nie direkt bedroht oder angegriffen wurde. Keinen Kontakt hat er zu seinen Aggressionen, seiner Kraft und auch zu dem beziehungsstiftenden Aspekt der Aggression. Seine Aggressionshemmung hat eine schlechte gefühlsmäßige Unterscheidungsfähigkeit zur Folge, es war ihm alles gleich lieb, oder eher gleich unlieb und ängstigte ihn. Er hatte wenig Zugang zu seinen Aggressionen, konnte keine Rangordnungen in seinen Beziehungen herstellen, hatte kaum Vorlieben. Die Energie, die er gebraucht hätte um auf jemanden zuzugehen und in Kontakt zu treten, verbrauchte er bei der Abwehr.
Florian war ein sehr kluges Kind, mit einer Reflexionsfähigkeit, die über sein Alter hinausging. Er lernte erst durch die Therapie Gefühle und Befindlichkeiten genauer wahrzunehmen und in ihren Intensitätsgraden zu unterscheiden.
Zu seinen Ressourcen zählte der große Wunsch und die Fähigkeit, Freunde zu haben, Freude zu haben, seine außerordentliche Intelligenz und seine körperliche Geschicklichkeit. Alle Übungen in der Therapie, in der er seine Kraft und Geschicklichkeit erkannte, stärkten sein Selbstbewusstsein, machten ihn sicherer. Wenn ich, nach Daniel Sterns Theorie der Selbstentwicklung denkend, seinen Bereich der Kernbezogenheit, das Empfinden seines. Kernselbst betrachte, so konnte er handeln und die Folgen seiner Aktivitäten als von ihm verursacht erkennen. Er hatte ein gutes Gefühl für seinen Körper, dessen Grenzen, wenig Gefühl für seinen Kern, wusste wenig von Gefühlsqualitäten und Wünschen. Seine eigene Lebensgeschichte, seine Existenz und Dauer in der Zeit, war ihm fremd.
Doch hatte ich bei ihm manchmal den Eindruck, er befürchtete durch eine zu rasante Entwicklung seine Eltern zu überfordern, dass die Distanz zu seiner Mutter zu groß werden könnte.
"Wenn Abhängigkeit wirklich Abhängigkeit bedeutet, kann man die Geschichte des einzelnen Kindes nicht allein in Hinblick auf das Kind schreiben. Man hat ebenso die Umweltbedingungen zu berücksichtigen, die die Abhängigkeitsbedürfnisse des Kindes entweder befriedigen oder nicht befriedigen". (Winnicott, 1945, 1948, 1952 zitiert in D. W. Winnicott, Vom Spiel zur Kreativität, S. 84, Klett- Cotta, Stuttgart, 1997.)
Zu Florian hätte Winnicott vielleicht noch folgendes gesagt: "Wir müssen uns also mit der Frage auseinandersetzen, was Leben selbst eigentlich ist." (...)
Wir kommen dann zu der Einsicht, dass es nicht Triebbefriedigung ist, die dem Kind das Gefühl gibt, zu sein und das Leben real und lebenswert zu erleben. Triebbefriedigung stellt vielmehr eine Teilfunktion dar und wird zur Versuchung, wenn sie nicht auf einer gut entwickelten Fähigkeit des Menschen aufbaut, ganzheitlich zu erleben und im Bereich der Übergangsphänomene Erfahrungen zu machen. Das Selbst muss erst vorhanden sein, dann kann es vom Trieb Gebrauch machen; der Reiter muss das Pferd reiten und nicht nur fortgetragen werden.(.........) (D. W. Winnicott, Vom Spiel zur Kreativität, S. 114, Klett-Cotta, Stuttgart, 1997.)
Seinen Bedürfnisse wurde nicht entsprochen, sondern er lebte die neurotischen Anpassung seiner depressiven Eltern mit, die ihre Defizite noch nicht heilen konnten, selbst antriebsschwach waren.
Florian fühlte sich unsicher, seine Eltern ließen die meisten Entscheidungen die die kleine Familie betrafen, ihn finden. Wenn die Eltern vom Kind abhängig sind, werden die Abhängigkeitsbedürfnisse des Kindes nicht befriedigt, wird das Kind überfordert. Der Vater konnte seiner triangulierenden Funktion wegen seiner eigenen Probleme nicht nachkommen. Nach der Bindungstheorie von Karl Heinz Brisch hat Florian eine unsicher vermeidende Bindung an seine Mutter. Vielleicht diente er der Mutter auch als sichere Basis, da ihr Mann als Ehepartner und Vater nicht wirklich zur Verfügung stand.
Um die Wichtigkeit der Einbeziehung der Eltern in die Kindertherapie zu unterstreichen zitiere Ich hier Karl Heinz Brisch: "In der Behandlung von Kindern spielt die begleitende Psychotherapie von Eltern oder Bezugspersonen eine große Rolle." Da das Kind nur so weit seine in der Therapie gewonnenen Behandlungsfortschritte realisieren kann, wie die Eltern in der Lage sind, diese zu akzeptieren und wohlwollend oder auch verständnisvoll zu begleiten, muss der Therapeut die Eltern über das therapeutische Vorgehen, das therapeutische Verständnis, die zugrundeliegenden Theorien und die zu erwartenden Behandlungsschritte und Veränderungen beim Kind informieren. Darüber hinaus kann je nach elterlicher Psychopathologie auch eine intensivere Einzel- oder Paarpsychotherapie der Eltern stattfinden. In diesem Fall sind die gleichen bindungstherapeutischen Aspekte wie bei der Erwachsenenbehandlung zu berücksichtigen. Der Kindertherapeut muss daher nicht nur mit dem Kind, sondern auch mit den Eltern eine positive therapeutische Bindung im Sinne einer sicheren Basis eingehen. Wenn die Beziehung des Therapeuten zum Kind oder die Veränderung der Symptomatik des Kindes für die Eltern eine Verunsicherung darstellt und wenn sie eine Ablehnung durch den Therapeuten spüren oder ihn ihrerseits selber ablehnen, wird die Behandlung früher oder später misslingen, weil die Eltern dann aus Angst zum Abbruch der Behandlung neigen. Mit großer Feinfühligkeit für die Bindungsbedürfnisse der Eltern- bei der Mutter und beim Vater können sie durchaus unterschiedlich sein - muss der Therapeut auch für diese eine emotional sichere Basis herstellen, von der aus die Eltern eignen Verletzungen, Kränkungen, Verlust- oder Trennungserlebnisse aus ihrer Lebensgeschichte im Laufe der begleitenden Elterntherapie besprechen können. Dabei sind in der Regel auch Bindungs- und Explorationsbedürfnisse im Rahmen der Beziehung der Eltern untereinander von wesentlicher Bedeutung. Sind diese in der Partnerschaft nicht gut integriert, so kann es zur Übertragung von Bindungswünschen und - bedürfnissen eines Partners auf das Kind kommen, und dieses kann in eine Partnerersatzfunktion gedrängt werden. (aus K. H. Brisch: Bindungsstörungen, Von der Bindungstheorie zur Therapie, Klett-Cotta Stuttgart, 1999, S. 102f) Das war wohl bei Florian so.
Und weiter unten der selbe:
Neben einem Fokus auf bindungsrelevanten Erlebnissen besteht ein zweiter Fokus auf der Explorationsseite. Auch die Explorationsbedürfnisse eines Kindes können durch Interaktion mit der Mutter und anderen relevanten Bezugspersonen in der frühkindlichen Zeit behindert, ja extrem verzerrt oder gestört worden sein. Grund für eine Störung im Explorationsverhalten kann etwa mangelnde Bindungssicherheit der Mutter sein. Man kann sich vorstellen, dass durch elterliche Psychopathologie ein Kind extrem von einem Elternteil "geklammert" wird. Wegen elterlicher Ängste werden keine Explorationsmöglichkeiten für das Kind zugelassen. (K. H. Brisch: Bindungsstörungen, Von der Bindungstheorie zur Therapie, Klett-Cotta Stuttgart, 1999, S. 104)
Aber nun zurück zu Florian und dem Verlauf der Therapie, der von diesen Überlegungen ja durchaus beeinflusst wurde.
In die erste Therapiestunde ließ er sich von seiner Mutter begleiten, bat sie zu bleiben und war völlig anders.
Von sich aus redete er kein Wort, schaute nur auf seine Mutter. Er wirkte ängstlich und sehr angespannt, orientierte sich nach jedem Satz, den er sagte, an seiner Mutter, ob sie wohl damit zufrieden wäre. Seine Mutter nahm sich sehr zurück, um ihm Raum zu geben, den er nur nach ihrer Aufforderung nutzte. Ich schlug vor, gemeinsam mit Bausteinen eine Stadt oder einen Garten zu bauen, was er nicht wollte. Eine gemeinsame Geschichte zu schreiben war er dann bereit. Seine Mutter schrieb den ersten Satz, dann wurde das Blatt Papier so gefaltet, das der Satz nicht mehr zu lesen war, Florian schrieb den 2. Satz, das Papier wurde umgebogen, ich schrieb den 3. Satz. Es entstanden 3 kurze Geschichten, die miteinander nicht viel zu tun hatten. In Florians Geschichte kamen einige böse Ungeheuer vor.
Nach der Stunde wirkt er sehr angestrengt. Florian war unsicher, weil er sich einfach nicht vorstellen konnte, welche Leistung er hier erbringen sollte. Wir besprachen nochmals, dass es hier nicht um Leistung ginge, sondern mehr ums Spielen oder Malen oder Erzählen.
Bei Florian spürte ich eine große Einsamkeit und Verzweiflung, die hinter seiner Tüchtigkeit steckte.
Dann brachte ihn sein Vater, blieb 20 Minuten, Florian wirkte viel sicherer und erzählte. Ab da musste kein Elternteil länger bleiben, er redete die ganze Stunde ununterbrochen und in einem Tempo, dass ich Mühe hatte, ihm zuzuhören. Manchmal wurde er sich selber zu schnell und stotterte ein bisschen. Ich respektierte zunächst seinen Wortschwall als Zeichen seiner Sorge, etwas gefragt zu werden und die Kontrolle über das Geschehen zwischen uns zu verlieren. Natürlich war ich auch neugierig und wollte ihm seinen Raum geben. Hauptsächlich erzählte er Geschichten von seinem Lego, von den höchst komplizierten Sachen, die er damit baute, wie wichtig ihm diese Fähigkeit war, wie er viel Geld dafür ausgab, das er von seine Eltern und Großeltern reichlich bekam und welche Abenteuer er mit seinem besten Freund Oliver erlebte. Florian hatte als guter Schüler eine gute Position in seiner Klasse, obwohl er wenig Freunde hatte. Er litt auch unter dem Lärm in der Pause und der Tatsache, dass sich in der Pause manchmal einfach ein anderes Kind auf seinen Tisch setzte. Auch fürchtete er sich vor den großen, lauten Buben in der Straßenbahn, und so nebenbei sagte er auch, machte er sich Sorgen um seine Mutter, wie es ihr geht, wenn er nicht da ist.
Ich bat Florian, den Szenotest zu nehmen und einfach damit zu spielen, wie es ihm gefällt.: Zuerst nahm er den Liegestuhl und setzte den Vater hinein, dann richtete er ein Picknick her. Die Mutter lag am Bauch vor dem Picknick und er, der Bub, stand mit einer Schaufel in der Nähe bei einem Wald, in dem Blumen wuchsen. Auf die Frage, wem es denn am besten ginge, sagte er zunächst: ?Allen gleich gut.? Ich hielt entgegen, es sei doch sehr unwahrscheinlich, dass drei Menschen genau gleich empfinden. Nach kurzem Nachdenken meinte er, sein Vater hätte es am besten, und ihm, Florian, ginge es am schlechtesten, aber die Unterschiede wären ganz gering.
In der Therapiesituation war Florian nicht mehr ängstlich, nahm stets sofort seinen Lieblingsplatz auf dem großen grünen Gymnastikball ein. Er stand oft unter großem Druck, redete über seine Lieblingsserie im Fernsehen. Die handelte von mystischen Rittern, die mit den vier Elementen in Verbindung standen. Sein Liebling war der mit dem Feuer, der den Zauberspruch ?Feuer tief in mir? hatte. Diese magische Formel half ihm dann, das Böse zu besiegen, half auch Florian wenn es nötig war, und es gab kein Blut und kein Massenschlachten. Ich konnte nicht mehr gut zuhören und teilte es ihm mit. Zu Hause würden ihm seine Familie zuhören, bemerkte er trocken.
Um ihn wieder mehr mit sich in Kontakt zu bringen, schlug ich ihm Atemübungen vor. Er meinte: ?Das Ausatmen hilft mir, wenn ich Angst habe, weil ich dann die Luft ausblase und der Druck verschwindet?. Ich bat ihn, beim Atmen die Augen zu schließen und verpackte das Bild, er sei ein Bach, der sich mit einem anderen verbindet und zu einem großen Fluss wird, in eine Geschichte. Florian konnte die Ruhe und Kraft des großen Flusses gut in sich spüren. Dann baute er einen Turm aus Bausteinen, dem er mit einem Ball die Spitze abschoss. Hier zeigte sich seine große körperliche Gewandtheit, er schoss scharf und treffsicher. Stolz erklärte er, wie gerne turnt und früher wäre er noch geschickter gewesen. Aggression brachte ihn immer wieder zu seinen Ressourcen.
Durch Anbieten klarer Kontaktprozesse: Angebot als Vorkontakt (sagt es zu oder nicht), Entscheidung, Kontakt, Spiele, Gespräche, Geschicklichkeitsproben, die er stets meistert, die ausklingen im Nachkontakt, arbeiteten wir an unserer Beziehung. Diese Prozesse förderten die Selbst - und Fremdwahrnehmung.
Einmal bat ich ihn, mit Fingerfarben zu malen, um zu sehen, wie es ihm mit diesem Material ginge. Er tat es brav, ohne wirklich dabei zu sein, ohne mehr als unbedingt nötig mit den nassen, weichen Farben in Kontakt zu kommen. Zu meinen Ideen zu seiner Zeichnung sagte er kein Wort. Als ich ihn fragte, was er denn am liebsten hier in der Therapiestunde mache, antwortete er: ?Alles.? Dann spielten wir wieder Mikado, wobei er lebendiger wurde, weil er sehr hoch gewann. Er war viel geschickter als ich, freute sich und fühlte sich sicher. Er zeichnete einen viereckigen Raum, der doppelt und dreifach geschützt war mit Panzern, Laserstrahlen und Landminen und Bomben und Raketen, alles sehr beeindruckend. Das Beeindruckendste war die Leere, die durch Panzer und Laser geschützt wurde.
Allmählich erlaubte er mir, ihm näher zu kommen, entspannte er sich.
Seine Mutter holte ihn ab. Wieder hing er an ihren Lippen und suchte ihre Zustimmung für alles, was er sagte, indem er sie ansah, wenn er mit mir redete. Mit seinem Einverständnis lud ich seine Mutter zu einem Gespräch ein.
Ich bat sie, ihre Wohnverhältnisse zu beschreiben, weil ich Florians Lebensbedingungen besser verstehen wollte. Florian hatte in der großen Wohnung in seinem Zimmer ein Hochbett, daher fand das abendliche Einschlafritual mit Geschichte vorlesen und den Tag besprechen im Bett seiner Mutter statt, weil das bequemer war. Sie beklagte es, die Hauptlast der Familie tragen zu müssen, weil sie das größere Einkommen hätte sowie das Auto und den Führerschein. Viele Leute würden über ihren Mann die Nase rümpfen, weil er nicht mehr Geld nach Hause bringt als sie. Meine Vermutung war, dass auch sie zu diesen Leuten gehörte, und gleichzeitig entschuldigte sie ihn.
Wie diese im Vergleich zu seinen Schulkollegen "verkehrte Welt" für Florian war, konnte sie nicht sagen. Nach seiner Aussage machte es ihm nichts aus. Sie und Florian stritten manchmal heftig, vor allem wenn sie viel Arbeit hatte und ihre Ruhe brauchte und Florian von ihr versorgt werden wollte. Über die manipulative Art ihrer Mutter beklagte sie sich heftig. Andererseits war sie sehr froh über ihre Mutter, da sie ihr, als Florian noch klein war, viel geholfen hatte. Florian selber fand diese Oma ausreichend nett, das war alles. Mit den Eltern ihres Mannes hatten sie wenig Kontakt, diese wohnten 3 Stunden Fahrzeit weit weg. Ihre Schwiegermutter beklagte sich immer bei ihrem Sohn über sie, Florian litt, wenn der Vater seiner Frau Vorwürfe machte, dass sie nicht unterwürfig genug zu ihrer Schwiegermutter war. Der Vater stellte sich nicht an die Seite seiner Frau, sondern an die Seite seiner Mutter. Somit war da ein leere Platz an der Seite von Florians Mutter, den er auszufüllen versuchte und nicht konnte, da er ein Kind war.
Die Generationengrenzen in Florians Familie waren unklar. Sowohl die Mutter als auch der Vater hatten sich von ihren Müttern noch nicht gelöst. Es gab keine klare emotionale Gestaltbildung, es mangelt an einer eindeutigen Figur ? Hintergrundkonfiguration. Konflikte und Kontakte in der Familie werden durch Konfluenz abgewehrt, nicht wahrgenommen. Um die Generationengrenzen zunächst einmal optisch deutlich zu machen zeichneten wir, die Eltern und ich ein

Genogramm:
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line Dabei wurde der Zeithorizont sehr wichtig:
Die Urgroßeltern lebten noch in der Monarchie. Es ist gut zu bedenken, was es damals bedeutete Berufssoldat zu sein, Lehrer zu sein, Handwerker zu sein und welche Rollen damals die Ehefrauen hatten. Der Urgroßvater, der noch in der Nazizeit Lehrer war, keineswegs im Widerstand, der Großvater, der in der Nazizeit Offizier war und ebenso keineswegs im Widerstand. Was heißt das für einen Buben, wenn die väterliche Linie hauptsächlich Soldaten, die mütterliche Linie hauptsächlich Lehrer hat und alle vom Land kommen? Wie wird in dieser Familie mit genau dieser Geschichte die Entwicklung eines guten Selbst, eines kräftigen Ich, gefördert oder gestört, wie ist es um den Kontakt zu anderen Menschen, zum Bezug zur Realität bestellt?
Für diese Fragen findet jeder, der diesen Artikel liest wohl viele eigene Antworten.
Im Verlauf dieser Arbeit stellten die Eltern ihre Familie mit Hilfe von Stofftieren auf.

Das ergab dann folgendes Bild:
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line Aufstellung
Vater und Mutter nahmen abwechselnd die entsprechenden Positionen ein. Gemeinsam arbeiteten wir einige Sitzungen um die Bedeutung dieser Aufstellung zu begreifen und die Lösungsansätze, die sich zeigten zu finden und später denn zu nützen.
Florian stand ganz hinten, als letzter. Sein Darsteller, der Vater, klagte über große Belastung und Müdigkeit. Die Last der Generationen lag auf ihm. Er konnte keine Zukunft sehen, keine Perspektive. Als paternalisiertes Kind stand er hinter seinen Eltern, sie konnten ihn und seine Bedürfnisse nicht sehen und daher auch nicht auf sie eingehen. Der Vater fand hier auch Ähnlichkeiten zu seiner Geschichte.
Die Mutter schaute ihre Mutter an, der Vater seine Mutter, der väterliche Großvater stand sehr alleine, der mütterliche Großvater war mit seinem Sohn recht weit weg.
Betroffen sind die beiden von der großen Distanz zwischen den Familienmitgliedern, auch von der zwischen ihnen, obwohl die räumlich gar nicht so deutlich war, der Kontaktlosigkeit und dem Mangel an Gefühlen. Ich spüre wenig, mir ist kalt, sagten sie immer wieder.

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Sichtbar wurde außerdem noch, dass sowohl in der mütterlichen als auch in der väterlichen Herkunftsfamilie die Väter ihre triangulierende Rolle nicht wirklich ausfüllen konnten. Sowohl Florians Mutter als auch sein Vater hatten eine stärkere Bindung zur jeweiligen Mutter als zur Ehepartnerin bzw. zum Ehepartner.
Der Vater griff die Anregung, mit seinem Sohn mehr zu unternehmen gern auf um so die Loslösung von der Mutter zu unterstützen. Florian war mit seiner Mutter eher symbiotisch. Hier zeigte sich bald eine Entwicklung über die Unterstützung, die er von seinem Vater erhielt. Er wollte im Haus mehr Versorgungsarbeit und Erziehungsarbeit übernehmen, so gut er es konnte auch sportliche Aktivitäten setzen und Florian mehr an seinem Leben Anteil nehmen lassen. Es wuchs über den ?Vatersupport?, über neue Möglichkeiten, der Selbstsupport. Die Mutter war sehr einverstanden, sie erhoffte sich mehr Zeit für sich.
Zu Beginn der Adventzeit rief mich Florians Mutter an: Der Vater ihres Mannes, ein pensionierter Berufssoldat, hatte sich erschossen, aus Angst, weil er glaubte eine unheilbare Krankheit zu haben. Als die verstörte und entsetzte Großmutter anrief war Florian am Telefon. Er wusste jetzt also ungeschminkt über alles Bescheid. Auch das Begräbnis hatte schon stattgefunden. Ihr selber ging der Selbstmord ihres Schwiegervaters nicht so nahe, sie machte sich nur große Sorgen, wie ihr Sohn damit fertig werden würde. Verblüffend war die Parallele zu Florians Symptom, das ihn ursprünglich zur Psychotherapie gebracht hat. Natürlich war es eine Spekulation, aber die Frage stellte sich schon, wie weit das Kind als Symptomträger hier Geschehen vorweggenommen hat. Und wie weit durch die Stärkung seines Selbstes und der Arbeit an den Generationengrenzen das Symptom dort geblieben ist, wo es hingehört hat.
Florian kam mittlerweile gerne in die Stunde. Er sprach über das, was ihn bewegte. Manchmal war es ihm nicht möglich, sich so auszudrücken, wie er wollte, konnte er nicht sagen was ihn bedrängte. Ich sprach ihn auf den Tod des Großvaters an und erzählte ihm von dem Telefongespräch mit seiner Mutter. Er wusste auch hier Bescheid. Ich fühlte mich sehr hilflos gegenüber diesem blassen, gefassten Buben. Er tat mir schon lange leid in seiner gefühls- und beziehungsarmen Welt. Heute berührte mich seine geduldige Passivität besonders. Ich bot ihm an, die Geschichte von dem kleinen Elefanten, wie er traurig war und wieder fröhlich wurde, vorzulesen. Er wehrte ab, er wollte keine Geschichten, nur Sachbücher. Das war aber jetzt ein Sachbuch für Gefühle, und unter diesem Titel durfte ich es vorlesen.
Er lag auf dem Sofa wie oft bei den Atemübungen und ich saß so, dass er die Bilder anschauen konnte. Er hörte sich diese sehr liebe und kluge Geschichte aufmerksam und interessiert an. Dann fragte ich ihn nach dem Begräbnis, ob ihm kalt war, was er von den Reden verstanden hat, ob er traurig war und wo sein Opa einen Platz in seinem Herzen hätte. Er sagte mit seinem bei solchen Fragen typischen Schulterzucken, er könnte noch nicht darüber reden. So bot ich ihm eine Bienenwachsplatte und einen Docht an, um eine Kerze für den Opa zu machen und diese anzuzünden. Damit war er einverstanden. Das Licht verbindet die Lebenden und die Toten sagte er, weise geworden in seiner Einsamkeit. Dann wollte er Mikado spielen. Ich wies ihn darauf hin, dass ich schummeln werde, wann immer es möglich wäre und ich würde mich freuen, wenn er am Schluss nur wenige Stäbchen hätte. Er gewann mit großer Selbstverständlichkeit, hatte viele Stäbchen und wieder Boden unter den Füßen. Als ihn seine Mutter abholte, blies er die Kerze aus und nahm sie mit nach Hause.
Allmählich war es einfach, mit ihm in Kontakt zu bleiben. Wenn er kam, setzte er sich sofort auf den Ball und erzählte seine Geschichten. Die Gestalten seiner Computerspiele und seiner Fantasien wurden mir vertraut. So klar er seine schulischen Sachen erklären und erzählen konnte, so schwierig wurde es, wenn er von sich erzählte. Dann stotterte er auch, als wären seine Gedanken schneller oder anders als seine Worte. Sein Stottern war für mich ein Hinweis auf die Heftigkeit seiner Gefühle, die er nicht ausdrücken konnte. Viel Entspannung brachte ihm das Boxen: mit Boxhandschuhen. Auf den fixierten Gymnastikball zu schlagen, ließ ihn tief atmen, er kam in Kontakt mit seinem Selbst durch Atmen und Handeln, und er hörte auf zu stottern. Fritz Perls beschreibt Stotterer als hätte er Florian gekannt:
Der chronische Stotterer ist gekennzeichnet durch seine Ungeduld, sein unentwickeltes Zeitgefühl und durch seine gehemmte Aggression. Seine Worte fließen nicht in einer richtig eingeteilten zeitlichen Abfolge, sein Geist und sein Mund sind übervoll mit Worten, die alle darauf warten, auf einmal herauszukommen?.(Perls, Das Ich Hunger und die Aggression, S. 314, Klett-Cotta 1985).
Bei einer Entspannungsübung, während der er mit geschlossenen Augen auf dem Sofa lag, tief und ruhig atmete, zuckte sein Gesicht, bewegte sich und grimassierte. So wich die Spannung zum Beispiel aus seinem Gesicht.
Er machte von sich aus selten Vorschläge. Einmal fand er die Dartpfeile und spielte damit. Er schoss gut und kräftig, die Pfeile gingen nur schwer aus der Dartscheibe wieder heraus. Er wollte auch alleine spielen und es ging ihm nur ums Schießen und Treffen. Er war dabei sehr zufrieden. Einmal bat ich ihn, einfach etwas zu zeichnen und er malte ein ?Gefühlsbild?, wie in der Schule im Religionsunterricht. Lange erklärte er die Technik mit den Ölkreiden, war stolz auf seine Fähigkeit und zeichnete dann einfach aus der Hand heraus. Es war kein konkretes Bild, sondern Farben und Formen.
Das Gefühl, das dieses Bild ausdrücken sollte, konnte er nicht beschreiben. Er sagte oft: ?Das weiß ich nicht?, wenn er seine Gefühle benennen wollte.
Sein Vater holte ihn von der Stunde ab. Letzterer kümmerte sich sehr um seine jetzt verwitwete Mutter, verbrachte viel Zeit bei ihr. Das war verständlich, wirkte aber fast so, als wäre das jetzt der Mittelpunkt seines Lebens, es wirkte fast heftig. Leider war die Zeit für Florian dadurch viel weniger geworden.
Er brachte seine Welt mehr und mehr in die Therapie herein und erzählte von seinen Computerspielen. Ich ließ ihm einen Teil der Zeit für seine Erklärungen und dann schlug ich ein Spiel oder eine Übung vor.
Ich umfuhr seinen Körper mit einer Wachsmalkreide auf einem großen Bogen Packpapier, auf den er sich legte, so dass sein Umriss sichtbar wurde. Er zeichnete nur einige winzige Organe hinein, sein Körper blieb fast leer, dann malte er sich ordentliche Kleider und war zufrieden.
Sein Vater war da, voll mit Sprüchen und Wörtern, mit denen er sich schützte. Auf meine Frage, wie zu Hause mit Aggression umgegangen werde, meinte er, die gäbe es fast nicht. Aus seiner Vergangenheit erzählte er, sein Vater sei Offizier gewesen wie auch der Großvater. Er wäre ein Einzelkind und es hätte ihm nicht an materiellen Dingen gemangelt. Erzogen wurde er sehr streng, was er auch heute noch gut hieß. Er orientierte sich sehr an Normen und Klischees. Zu Hause führte er ein sehr striktes Regime, war verbal gewaltsam. Seine Frau und Florian bildeten eine Allianz, um ihn gemeinsam zu bekämpfen. Es ging meistens um das Thema: Wieso bist du nicht genauso wie ich oder wenigstens so, wie ich dich haben möchte. Die Grenzen zwischen ihnen waren noch nicht klar und Kontakt noch nicht leicht.
In der Schule konnte Florian seinen Ärger und Unwillen, wenn auch mit Hilfe der Mutter, laut werden lassen. Sie verhandelte für ihn mit der Lehrerin und er brauchte nicht mehr zu üben, was er schon konnte.
Die Mühen des Aufgaben-Machens und des Lernens blieben Thema.
Themen blieben auch "wie wehrst du dich?" und "was magst du an manchen Menschen nicht?" bzw. "welche Menschen magst du nicht?". Florian mochte keineswegs mehr Menschen und es gab durchaus Dinge, die er nicht wollte.
Inzwischen wurde es Mai. Ich entdeckte das Buch, das Florian gefiel, aus dem er vorgelesen haben wollte. In diesem Buch ging es um einen kleinen Jungen, der einen ganz phantastischen Vater hatte, der seinem Sohn Sicherheit und Geborgenheit geben konnte. Das interessierte ihn sehr. Auch die Kompetenzen seines eigenen Vaters wurden sichtbarer. Ein kompetenter Mann, der mit den Aufgaben, die er hatte, wie Verwaltung des Vermögens, Lehrtätigkeit, Organisation von Festen durchaus seines leistete, was auch seine jetzige Frau so sehen konnte.
Florian klagte regelmäßig darüber, wie sehr ihn die Hausaufgaben belasteten und ihm Zeit wegnahmen. Auf meine Bitte kontrollierte seine Mutter seine Arbeitszeit und teilte mir das Ergebnis mit: Er brauchte täglich so 10 bis 15 Minuten für seine Hausaufgaben, hatte trotzdem lauter Einser, und diese Zeit erschien ihm unerträglich lang!
Das Thema Freunde finden und verstanden werden tauchte wieder in der Geschichte eines Teddybären auf, der endlich einen Menschenfreund bekommen hatte, was ihn sehr beschäftigte.
Manchmal stotterte er noch am Beginn einer Stunde, entspannte sich dann und sprach fließend und ohne Anstrengung. Als ihn sein Vater einmal abholte bat ich ihn wieder mehr mit seinem Sohn zu unternehmen.
Mit Florian versuchte ich den Therapieverlauf altersgemäß zu reflektieren, aber er erklärte sich an nichts zu erinnern. Ich war mir nicht klar, ob er sich nur bedeckt halten wollte oder ob er wirklich nichts mehr wusste. Nach einigem Nachfragen meinte er, dass ihm das Austoben mit den Boxhandschuhen sehr gefallen hatte. Er erzählte nicht mehr so viele Computergeschichten, sondern immer öfter von Spielen und Gesprächen mit Freunden. Dann ging er mit seinem Papa eine Veranstaltung vorbereiten, bei der Florian von sich aus bereit war, auf der Bühne ein paar Sätze zu sagen. Das war schon ein großer Erfolg für ein Kind, das sich vor noch nicht allzu langer Zeit beim Grüßen hinter seiner Mutter versteckt hatte!
Wieder nach Rücksprache mit Florian bat ich den Vater zum Sommerabschlussgespräch vor den Ferien, damit dieser weiter Verantwortung für ihn übernehmen, und Mutter und Florian einen guten Abstand zueinander finden konnten.
Er war mit Florians Entwicklung sehr zufrieden. Vater, Mutter und Sohn nahmen zur Kenntnis, dass er schon 10 Jahre alt war und somit viele Dinge alleine konnte. Er begrüßte Bekannte mit Handschlag, blieb alleine in der Wohnung, lauter Tatsachen, die mir neu waren und die am Beginn der Therapie nicht erzählt worden waren. Ich bat den Vater, auch während der Ferien den Kontakt zu Florians Freunden lebendig zu halten. Er spielte mittlerweile gern mit anderen Kindern und blieb bei Ausflügen nicht mehr geduldig bei den Eltern sitzen.
Ich hoffte auf einen einfachen Anfang im Gymnasium, vereinbarte im Herbst noch ein paar Stunden um ihn gegebenenfalls zu unterstützen.
Ich war neugierig, wie er sich über den Sommer verändern würde.
Ende August kam zunächst seine Mutter. Sie erzählte von ihren Sitzungen mit einer Frau, die mit esoterischen Methoden arbeitete, die sie stärkten. Florian machte sich Sorgen wegen der neuen Schule, vor allem ob er dort auch Freunde finden würde. Über den Sommer gab es wenig Kontakt zu anderen Kindern und keine Urlaubsreisen. Die verwitwete Großmutter spielte wieder eine große Rolle in ihrer Familie. Der Vater war sehr gern alleine und brauchte seine Rückzugsphasen.
Kurz nach Schulbeginn kam Florian wieder. Er wusste, wie sein Klassenvorstand hieß, sein Sitznachbar und einige andere Kinder, er ging allein in die Schule. Dann zog er den Gameboy aus der Tasche und erklärte mir das Spiel. Er forderte mich auf zu probieren, wurde aber wegen meiner Ungeschicklichkeit ärgerlich und nahm das Spiel wieder an sich. Er war fast nicht ansprechbar, süchtig ging es nur um Drücken, Treffen und Punkte sammeln. Nach einer Weile hatte er die Spannung über das Spiel verringert, beruhigte er sich und sprach wieder mit mir.
Florians Eltern hatten in ihrer Kindheit wenig Unterstützung, daher konnten sie nicht gut auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Ich überlegte mir, wie ich ihnen verständlich und erlebbar machen könnte, welche Art Unterstützung er nötig hätte. Beide Eltern waren wieder bereit, sich einzulassen. Wieder mit Hilfe von vielen Stofftieren, die nochmals bestimmte Situationen verdeutlichten und Lösungen finden halfen, mit Hinweisen auf das Genogramm und die darauf folgende Aufstellung wurde dann abermals auch an Hand der eigenen Geschichte klar: Florian brauchte gute Regeln, so dass nicht alles nach seinem Kopf ging, also er nicht die Last des Geschehens in der Familie zu tragen hatte und in das Vermeiden von Kontakten und Lebendigkeit ausweichen konnte. Und er brauchte die Hilfe der Eltern, um neue Freundschaften anzubahnen. In seiner neuen Schulklasse ging es sehr gewalttätig zu, es wurde ein Kind sogar verletzt, was Florian außerordentlich ängstigte. Trotzdem wollte er nicht mehr kommen. Auch die Therapie war eine Anstrengung für ihn. Er müsse gar nicht, erklärte ich ihm, er kann und ich meinte, er brauche es auch noch. Das sieht er bedauernd dann auch so.
Um die Zeit mit Hilfe einer optischen Darstellung wahrzunehmen bitte ich ihn eine Schnur auf den Boden zu legen und sie mit Bausteinen zu unterteilen. Florian markiert auf ihr den Verlauf seines Tages: viel Zeit für die Schule, wenig Zeit für die Hausübungen, viel Zeit für Fernsehen, Computerspiele , kaum Zeit für Freunde, körperliche Aktivitäten, Gespräche mit den Eltern. Er erfährt bei diesen Spielen sich selbst nicht, daher erfährt er sich nicht in Kontakt mit der Zeit, er hat keine, beklagt den Mangel an Zeit für sich. Durch die Symbolisierung der Zeit mit der Schnur begreift er den Ablauf.
Ich machte mir Gedanken wegen einer Suchtgefährdung.
Dann folgten 14 Tage Pause, denn in den Ferien wollte er seine Ruhe haben. Als Aufgabe bat ich ihn, in diesen zwei Wochen einmal mit einem Freund schwimmen zu gehen. Er hätte lieber einen Aufsatz geschrieben. Vor der nächsten Stunde rief die Mutter an, Florian wolle lieber für die Schularbeit am nächsten Tag lernen. Seinen Widerstand erlebte ich zum Teil als Rückzug, zum Teil gefiel mir sein Trotz durchaus. Zu meinem Bedauern stellte ich auch fest, dass seine Eltern trotz ihrer großen Kooperationsbereitschaft nicht über ihren Schatten springen und ausreichend Kontakte mit Freunden organisieren konnten.
Ende November ging es ihm schlecht, ich spürte deutlich seine Verzweiflung. Meine Versuche, ihn an seine Kraft zu erinnern, beantwortete er stumm, indem er mich traurig ansah. Die Gewalttätigkeit in seiner Klasse hatte nicht nachgelassen, er fühlte sich völlig ausgeliefert und hilflos. Hilflos fühlte ich mich auch. So nahm ich meine Zuflucht bei Schutzengeln, über die wir uns eine Weile unterhielten. Das führte dann zu einer gelenkten Schutzengelmeditation, bei der er seinen Schutzengel besuchte. Solche Übungen mochte Florian gerne. Die Stunde darauf ging es ihm besser. Um seine Befindlichkeit besser beurteilen zu können, bat ich ihn, sich selber zu zeichnen.
Er zeichnete ein Bleistiftbild, sehr durchscheinend und ohne Hände und Füße, das mich in seiner Verlorenheit sehr berührte. Er sagte, er habe es gelernt, allein zu sein. Auf meinen Vorschlag es wieder zu verlernen, reagierte er mit einem Achselzucken. Ich konnte seinen großen Zorn hinter seiner Not gut sehen. Er umfuhr die Konturen seiner Hände und ich bat ihn, hinein zu zeichnen, was er mit seinen Händen machen möchte. Seine Hände wurden ganz bunt.
Dann wurde wieder ein Termin abgesagt, diesmal auf dem Anrufbeantworter, weil Florian für eine Schularbeit lernen wollte. Ich erreichte den Vater telefonisch und drückte mein Bedauern aus, weil ich ihm und seiner Frau nicht vermitteln konnte, wie sie Florian bei seiner Entwicklung helfen sollten. Der Vater war betreten und wollte es seiner Frau mitteilen, sie meldeten sich aber nicht mehr. Ich wollte Kritik ausdrücken und erntete einen Beziehungsabbruch. Ich erreichte die Mutter am Telefon, sie war kalt und böse und warf mir vor, ihr ein schlechtes Gewissen mit meiner Konfrontation zu machen. Auf meine Bitte nach einem Gespräch sagte sie zu, es mit ihrem Mann zu besprechen. Nach gut einer Woche versuchte ich es noch einmal und bat auf dem Anrufbeantworter um ein Gespräch. Jetzt erhielt ich ein Fax, auf dem sie zwar ihre Vorwürfe wiederholte, aber auch ihre Gesprächsbereitschaft anklingen ließ. Wir vereinbaren einen Termin in drei Wochen.
Sie kam sehr angespannt und antwortete auf die Frage, wie es ihr mit mir ginge, zuerst mit der bewährten Familienabwehrmethode viel zu reden. Erst nachdem sie feststellte, wie ehrlich froh und erleichtert ich war, sie zu sehen, entspannte sie sich. Es war möglich, ein Arbeitsbündnis neu zu formulieren und wieder herzustellen. Das Ergebnis war die verbesserte Konfliktfähigkeit vor allem der Mutter. Sie nahm entschlossen die Organisation von Einladungen, Ausflügen, Unternehmungen in die Hand. Florian ging es gut, mit dem Lernen hatte er nach wie vor keine Probleme, sein Klassenvorstand unterstützte ihn insofern, als er sich in der Klasse dorthin setzen durfte, wo er sich möglichst sicher fühlte. Er hatte wieder einen Freund. Seine Mutter unterstützte seine Kontakte, indem sie Kinder und deren Eltern aus seiner Klasse einlud, die Florian und ihr sympathisch waren. Florian wollte mit dem Tischtennisspielen, in dem er sehr gut war, aufhören. Seinen Eltern gelang es aber, ihn bei diesem Sport zu halten.
Er hatte ein neues Zimmer und ein Bett das am Boden stand. Das Abendritual fand jetzt in seinem Bett statt, und er schlief auch besser. Sie hatte ihre esotherische Begleiterin verlassen und bei einem Mann eine Therapie begonnen, der sie auch nötigenfalls konfrontierte. Ihr Mann tat sich nach wie vor schwer, mit Florian etwas zu unternehmen, bemühte sich aber. Nach knapp zwei Jahren Therapie ging es Florian gut und er wollte nicht mehr kommen. Er hat Freunde, Freude an körperlichen Aktivitäten und an seinen guten Schulleistungen, kam mit seinem Leben und seinen Freunden durchaus zurecht. In der Familie hatte sich viel verändert. Seine Eltern waren stolz auf ihn und ihre Elternschaft.

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Monika Weitzer, Eric Battut: Wie der kleine rosa Elefant einmal sehr traurig war und wie es ihm wieder gut ging.
   hohem press
Der rosarote Elefant.
  
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line Angaben zur Person: Hilde Heindl, Jahrgang 1940
Grundberuf Sonderschullehrerin, Ausbildung zur Integrativen Gestalttherapeutin, Supervisorin,
Weiterbildung in systemischer Familientherapie
Lehrende in der Ausbildung für Integrative Gestalttherapie: Lehrauftrag für Lehrtherapien und Lehrsupervision,
Lehrtherapeutin in der Weiterbildung für Kinder-und Jugendlichenpsychotherapie im ÖAGG
Arbeit in freier Praxis mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen, Paaren und Familien.
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line      Über Hilde Heindl  line
line Hilde Heindl   Hilde Heindl
  Psychotherapeutin
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